HILFE! ICH BIN UNZEITGEMÄSS

Ach, wie oft wurde ich doch schon von meiner Frau wegen unzeitgemäßen Verhaltens, unzeitgemäßer Vorlieben, unzeitgemäßer Kleidung und vor allem unzeitgemäßer Ansichten getadelt. In den meisten Fällen habe ich das brav und mit widerspruchsloser – wenngleich häufig vorgespielter – Einsicht zur Kenntnis genommen. Die durchaus wohlwollend gemeinten Rügen sollen sichtlich dazu anregen, mich bewusster mit meinem Alterungsprozess auseinander zu setzen. Freilich ist es eminent wichtig in Würde zu altern! Nicht versuchen, immer noch den jugendlichen, kraftstrotzenden Liebhaber vorzugaukeln, nicht den Bäume ausreißenden Beschützer mimen und nicht die zunehmenden arthritischen Beschwerden zu kaschieren versuchen. Nun meine ich, dass ich das alles längst schon aufgegeben habe und mich der Realität, die meiner Zeit, meiner Lebenszeit eben, gemäß ist, ganz unverblümt stelle. Ich vermute dabei auf einem ganz guten Weg zu sein, dessen letztendliches Ziel, wie für alle von uns, vorgezeichnet ist.

Kürzlich las ich jedoch bei Mag. Eva Linsinger (profil Nr. 38/15.9.2014) darüber, dass unser Bildungssystem unzeitgemäß wäre. Im Geiste stimmte ich augenblicklich zu, denn beängstigend grassierender Analphabetismus und gravierende Defizite im sozialen Beziehungsverhalten scheinen mir deutliche Anzeichen zu sein, dass es an verbreiteter Bildung in der Gesellschaft zunehmend hapert. Gleich darauf  drängte sich mir aber die Frage auf, was denn überhaupt die Bedeutung von unzeitgemäß in Gegenüberstellung zu zeitgemäß im gesellschaftlichen Kontext zu bedeuten hat. Nun, was unzeitgemäß ist weiß ich ja mittlerweile zur Genüge. Das bin ich. Was aber soll „zeitgemäß“ zum Ausdruck bringen?

Im Duden erfahre ich dazu, dass „zeitgemäß“ bedeutet, auf der Höhe der Zeit zu sein. Das hilft also auch nicht viel weiter, denn stets bin ich auf der Höhe meiner Zeit und trotzdem unzeitgemäß – wie mir so oft bescheinigt wird. Obwohl ich die Errungenschaften und neuen Technologien nütze – wenngleich manches eher widerwillig – und obwohl ich es zu einer netten Wohnung mit entsprechenden Sanitäreinrichtungen gebracht habe, ein halbwegs ausreichendes Einkommen habe und ein leidlich modernes Auto kutschiere, ist mir (unzeitgemäß) bewusst, dass das offensichtlich ein glückvolles persönliches Privileg ist, das nicht unbedingt den Lebensumständen der großen Mehrheit entsprechen muss.

Eine Fundgrube, mehr darüber zu erfahren, was nun eigentlich als zeitgemäß erachtet wird, scheinen mir hingegen die Themensetzungen und Themenbehandlung der Medien zu sein. Sehr rasch stößt man hierbei auf das bekannte und schier unlösbare Henne-Ei Rätsel: Rücken Themen in das öffentliche Interesse und werden somit augenscheinlich zeitgemäßen Erörterungen zugeführt, weil sie uns von der Medienwelt präsentiert werden, oder folgen die Medien bloß den kollektiven geistigen Entwicklungen der Bevölkerungen? „Trends“, sagt man heute zeitgemäß dazu und es ist daraus ein eigener Forschungszweig entstanden, den man früher noch, damals durchaus zeitgemäß, als Wahrsagerei belächelte. Heute, also wieder zeitgemäß, bei unverändert auf die Glockenkurve eingeschränkter Anwendung des Wissens über Wahrscheinlichkeiten, die real auftretende Ausreißer als nicht systemkonform negiert – was dann besonders in der Risikobeurteilung stets zu großem Erstaunen führt („Das konnte niemand ahnen!“), wird den Prognosen größte Anerkennung zuteil, auch wenn sich diese immer wieder als falsch herausstellen (am besten ist diese Diskrepanz zwischen Vorhersage und Wirklichkeit anhand von Wirtschaftsprognosen zu belegen).

Spürt man der Entstehung von Schlagzeilen nach, so müssten diese ja unsere kollektiven Handlungsweisen und geistigen Ausrichtungen widerspiegeln, die dann ganz logisch als „Zeitgeist“, oder eben als „zeitgemäß“ in die Betrachtungen über eine „moderne“ Gesellschaft einfließen. Es ist jedoch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass gewollte Trends – ob aus verantwortungsbewegter politischer Intention, oder mit gesellschaftlichen Partialinteressen zu begründen – über die Medien lanciert werden. Letzteres verweist das Definitionsrecht über „zeitgemäß“, „modern“, „zeitgeistig“, u.s.w., in den Strudel der tagespolitischen Macht- und Ränkespiele und entzieht den Definitionen somit deren grundlegende Aussagekraft.

Lassen wir das aber beiseite und schauen wir einmal in Schlagzeilen und Meldungen nach, was wir daraus als Erkenntnisgewinn über zeitgemäßes Verhalten ziehen können. Auf den Punkt gebracht, geht es dabei um die Betrachtung der Relation zwischen persönlicher Haltung und dem Wandel des Rechtsverständnisses.

Als zeitgemäße, somit als nachahmenswert empfohlene Verhaltens- und Einstellungsweisen habe ich bei meinen Recherchen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, folgendes entdeckt:

Es ist zeitgemäß, die eigene Vorteilsnahme gegenüber der Gesellschaft im Fokus zu haben und sich damit als „clever“ zu erweisen (und daraus ein elitäres Selbstbild zu zimmern).

Es ist zeitgemäß, gesetzliche Rahmenbedingungen – besonders deren beabsichtigte oder unbeabsichtigte Lücken – unter Missachtung ethischer und moralischer Aspekte zum eigenen Vorteil auszunützen.

Es ist zeitgemäß, sich mit großer Begeisterung den diversen Verführungen zu einem Imitationsverhalten zu unterwerfen.

Es ist zeitgemäß, eine unlimitierte persönliche Geldakkumulierung als erstrebenswerteste Zielsetzung über eine gesellschaftliche Werteschaffung zu stellen.

Es ist zeitgemäß, Konflikte nicht im geistigen Diskurs, sondern im spitzfindigen Rechtsweg auszufechten, der bekanntlich keinen Bezug auf ein natürliches Gerechtigkeitsempfinden nimmt.

Es ist zeitgemäß, sich erwünschte Rechte durch Lobbyarbeit in Gesetzesformulierungen absichern zu lassen.

Es ist zeitgemäß, ein kulturell orientiertes Bildungssystem in ein rein wirtschaftlich verwertbares Ausbildungssystem zu transformieren.

Es ist zeitgemäß, den Begriff „Kunst“ sehr weit zu fassen und alles, was sich durch gutes Marketing nur irgendwie vermarkten lässt, als Kunst anzupreisen. Mit so genannten „Installationen“ wurde ein vorläufiger Höhepunkt in der Eröffnung einer neuzeitlichen Kunstrichtung erreicht.

Es ist zeitgemäß, den Markt nicht im Sinne des Gemeinwohls gestalten zu wollen, sondern zu versuchen, ihn an der Börse durch trickreiches Agieren zu schlagen.

Es ist zeitgemäß, Wahlen durch entsprechende Inszenierungen und Versprechen zu gewinnen, ohne tatsächlicher Absicht, diese Versprechen auch zu halten.

Es ist zeitgemäß, der Verehrung von Reichtum und Macht zu frönen.

Es ist zeitgemäß, die eigene Leistung im Vergleich zu anderen stets höherwertiger einzustufen und daraus entsprechende Ansprüche abzuleiten.

Es ist zeitgemäß, ein wertfreies „Anders“ nicht akzeptieren zu wollen, weil dieses  immer schlechter sein muss.

Es ist zeitgemäß, sich entpersonalisierter Kommunikationsformen zu bedienen, anstelle wahrhaftiger Kommunikation.

Es ist zeitgemäß, durch Nachahmung ursprünglicher Häfen- und Randgruppenkultur aufzufallen und durch spezielle „Brandzeichen“ (Tattoos, Piercings, Frisuren, etc., – also Äußerlichkeiten), Aufmerksamkeit zu erregen und unterscheidbar zu werden.

Es ist ebenso zeitgemäß, dieses gezielt als Protest gegen was auch immer und als Provokationstest eingesetzte Äußere im Gegenüber zu übergehen, was zugleich dessen Wirkung untergräbt und zu weiterer Kreativität für Exaltiertheit herausfordert (….grüne Lippen, blaues Haar….).

Es ist zeitgemäß, Fremden grundsätzlich mit Argwohn zu begegnen.

Es ist zeitgemäß, Partnerschaften auf Zeit und in gespannter Lauerstellung einer provisorischen Daseinshaltung einzugehen.

Es ist zeitgemäß, nicht das „Gesollte“, sondern nur das rechtlich Verpflichtende zu tun, wodurch das hingebungsvolle, Qualität erzeugende Gewollte auf der Strecke bleibt.

Es ist zeitgemäß, neue Kreationen, Entdeckungen und Technologien nicht nur anwenden zu können, sondern sie anwenden zu müssen.

Es ist zeitgemäß, politische Entscheidungen in möglichst intransparentem Gemauschel vorzubereiten und die Betroffenen – die Staatsbürger – damit zu überraschen.

Es ist zeitgemäß, Anständigkeit als Naivität und Schwäche auszulegen.

Es ist zeitgemäß, über quantenphysikalische Erkenntnisse zu diskutieren, diese neuen Erkenntnisse jedoch nicht auf Erfolg versprechende neue Gesellschaftsmodelle anzuwenden.

Es ist zeitgemäß, dem Wettbewerbsdenken anzuhängen und zugleich einer anachronistischen Arbeitsbeschaffung alle Lebensbezüge unterzuordnen.

Diese Auflistung von Beispielen, die sich einem außerirdischen Beobachter, der sich für die Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens interessiert, darbietet, ließe sich wohl beliebig fortsetzen. Mehr und mehr gelange ich dabei zur Auffassung, dass ich heilfroh bin, als unzeitgemäß zu gelten.

(Günther Hoppenberger, im September 2014)

Und übrigens: Schmökern auf  www.lifesense.at lohnt immer