Fußballerpolitik

Große Aufregung durchzieht die Medienwelt ob der Fußball Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Sollen Regierungsvertreter der teilnehmenden Nationen in ihrer offiziellen Funktion zugegen sein, oder soll dieses angeblich sportliche Ereignis unter dem Gesichtspunkt des Russlandboykotts behandelt werden?

Versuchen wir einmal – so schwer das auch fallen mag – auszublenden, dass es bei solchen Großereignissen, wie auch bei Handelsboykotten vorwiegend ums Geld geht. Von den Investitionen der Vorbereitungszeit für Sportstättenbau, Hotels und Infrastruktur, bis hin zu den erhofften Einnahmemöglichkeiten aus dem ereignisbezogenen wie auch spekulativ nachfolgendem Tourismus.

In der Euphorie der Fußballbegeisterten, deren Weltsicht selten über die Dimension eines Fußballs hinausgreift, wird vor allem der Völker verbindende Charakter des Fußballsports ins Treffen geführt, den die Politik mit entsprechender Ehrerbietung zu bestärken hätte.

Bekanntlich ist nun aber Fußball ein Teamsport und Teamsportarten liegen grundsätzlich nationalistische  Tendenzen zugrunde, die sich besonders bei internationalen Begegnungen als Rivalität zwischen Markt und Staat offenbaren. Denn so wie sich Fußballvereine zu gewinnorientierten Unternehmen entwickelt haben, werden Nationalmannschaften zur Demonstration der Überlegenheit im Kampf gegeneinander entsandt. Angefeuert von ihrer Anhängerschar wird in alle Teams die unerfüllbare Erwartung gesetzt, zu siegen. Durchaus vergleichbar mit gegeneinander aufgehetzten Soldaten, die sich zu Grenzscharmützel oder sogar gröberen militärischen Auseinandersetzungen missbrauchen lassen. Mannschaften, denen bei Sieg höchste Ehren, Beute und sorgenfreies Leben in Aussicht gestellt werden. Wie im alten Rom. Zivilisatorische Entwicklung hat in den Köpfen also noch nicht so richtig stattgefunden. Nicht der Sport, sondern das Siegen steht im Mittelpunkt.

Die jeweils unterlegenen Mannschaften ziehen verspottet und unter Häme der Sieger mit hängendem Kopf von dannen, den Anführern droht daheim neben Ehrverlust die Vertreibung aus ihrer Funktion und die enttäuschten Anhänger trachten oftmals ihre Frustration durch eine Spur der Verwüstung im Umfeld der Stätte der Niederlage zu kompensieren. Worin die Völkerverbindung des Fußballsports liegen soll, bleibt also zunächst eher rätselhaft.

Die Analogie von Kriegsinszenierung und Fußballgroßereignissen ist kaum mehr zu übersehen. Statt jedoch nach jedem Match den Fußballfrieden zu beschließen, wird unmittelbar danach bereits auf den nächsten „Waffengang“ hin trainiert. Unter neuem Anführer und eventuell auch mit neuer Mannschaft, die dann oftmals nicht einmal mehr etwas mit nationaler Repräsentanz zu tun haben muss, sondern auch mit Legionären verstärkt werden darf, deren Einkaufpreis sich allerdings „rechnen“ sollte.

Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass Teamsport nicht verbindet, sondern Bevölkerungen entzweit. Die nationalen Interessen werden keineswegs bewusst von den Spielern vertreten – die wollen einzig und allein mit dem Geschäftsmodell „Fußballspielen“ möglichst viel Geld an sich ziehen – sondern sie werden nach marktpolitischen Gesichtspunkten durch die CEOs der weltumspannenden Fußballkonzerne gelenkt.

Nun hat Fußball, warum auch immer, hohes öffentliches Interesse erlangt. Vermutlich, weil sich herausstellte, dass sich die Denkstrukturen der Fußballbegeisterten besonders leicht manipulieren lassen. Dadurch kann man mit der einfachen und regelmäßigen Ausrichtung von Fußballspielen wesentliche Teile der Bevölkerung daraufhin konditionieren, sich erst gar nicht mit wesentlichen Lebensfragen auseinander zu setzen. Das Denkvermögen wird in einer Lederkugel gebunden. Begeisterung vernebelt bekanntlich den Blick für Zusammenhänge. Das jeweilige Herrschaftssystem kann dann ganz ungestört im Hintergrund die Weichen entsprechend ihrer eigenen Interessen stellen.

Im gegenwärtigen Fall der Fußball WM in einem offiziell mit Boykott belegtem Staat, wird das natürlich zu einer delikaten Herausforderung. Aus meiner Sicht, aber mich fragt ja niemand, wäre am vernünftigsten, wenn gar kein Politiker, auch nicht Putin, zugegen wäre. Wenn also die Politik Fußball Fußball bleiben ließe und sich viel eher andernorts, sei es in Genf oder auf einer Insel zusammen fänden, um ernsthafte Gespräche bezüglich Kooperationen für den Weltfrieden zu führen und nicht eher auseinander zu gehen, bis einvernehmliche Bekenntnisse besiegelt wurden.

Ich muss zugeben, dass ich noch unsicher bin, ob man auch Donald Trump dazu einladen sollte, denn eigentlich schweben mir ja konstruktive Gespräche vor und Vereinbarungen, die auch halten. Für solches hat ein noch unerzogenes, kindliches Gemüt, vielleicht doch noch nicht die Reife. Aber man könnte Trump vielleicht schmeicheln und ihn dadurch beschwichtigen, indem man ihm die Verantwortlichkeit für die militärische Sicherheit dieser Veranstaltung anbietet und hofft, dass er keine falschen Knöpfe drückt.

Ein Aufschrei der Empörung der Fußballfanatiker, dass durch die einhellige politische Absenz dem Sport die politische Wertschätzung entzogen würde, könnte aber sogar zu einem Aufwachen und zur Erkenntnis führen, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als Fußball.