FORTSCHRITT?

„Fortschritt“. Ein beliebter Begriff für die Ankündigung von – meist sogar als alternativlos bezeichneten – politischen Weichenstellungen. Dem Normalbürger fällt es jedoch nicht von ungefähr so schwer, diese Art von Fortschritt mit seinen persönlichen Einschätzungen in Einklang zu bringen. Individuelle Fortschrittsträume unterscheiden sich eklatant von jenen als Fortschritt angepriesenen Entwicklungen. Zumindest entspricht das meiner Empfindung. Woran kann diese Diskrepanz bloß liegen?

Lassen wir einmal die persönlichen Fortschritte beiseite, die natürlich jeder von Geburt an erfährt. Ob es um den Zugewinn von Geschicklichkeit, Erfahrungen, oder Wissen geht, stets handelt es sich um individuelle Entwicklungsschritte, deren Beitrag zu gelingender Persönlichkeitsformung vorwiegend der Neugier, dem Interesse an Lebensprozessen – und natürlich dem vom Umfeld und Institutionen zugelassenen Möglichkeiten geschuldet ist.

Als Fortschritt sind zweifellos auch alle neuen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung zu betrachten – zumindest so lange, als sie nicht zwanghaft der Anwendung zugeführt werden, wie das leider besonders in der Militärtechnik der Fall ist. Selbst bei den Neuerungen der medizinischen und pharmakologischen Forschung ist mitunter die Frage angebracht, ob deren Anwendung am (noch) lebenden Objekt tatsächlich einen Fortschrittsaspekt enthält. Zugegebenermaßen ist das ein sehr heikles Terrain, bei dem man wohl nur mitreden darf, wenn man dazu gar nicht mehr in der Lage ist. Die Frage muss jedoch gestattet sein, ob „ewiges Leben“, gleichermaßen wie „ewige Jugend“, tatsächlich als Fortschritt zu bezeichnen wären.

Darüber hat sich auch schon Eugen Roth mit folgendem Reim Gedanken gemacht:

„Was bringt den Doktor um sein Brot? a) die Gesundheit, b) der Tod.

Drum hält der Arzt, auf dass er lebe, uns zwischen beidem in der Schwebe“.

Wenn aber „ewiges Leben“ kein anderes „Wofür“ mehr kennt, als den Arzt und alle ihm zuarbeitenden Einrichtungen und Institutionen zu erhalten, dann ist die Fortschrittsfrage wohl mehr als gerechtfertigt. Und so erscheint in heutiger Zeit ein „Wofür“ des Lebens zu einem unbedeutenden Randthema ökonomischer Getriebenheit in systemisch auferlegtem und durch „kreative“ Waffentechnik unterstütztem Wettbewerb verkommen zu sein. Wir leben, um zu überleben. Vielleicht auch noch, um unsere Gene – wofür auch immer – weiter zu geben.

Doch halt! So verkürzt kann man das doch nicht sehen. Oder? Denken wir nur an all die Errungenschaften, durch die unsere Lebensführung erleichtert wurde. Die vielen fein- und elektromechanischen Entwicklungen, die zahlreichen neuen Werkstoffe, die unbemerkt im Hintergrund ablaufenden automatisierten Vorgänge, die uns sowohl im Alltag daheim, wie auch im Berufsleben ganz beträchtlich von körperlichen  Anstrengungen entlasten.

Die Kehrseite solcher physischer Entlastung zeigt sich allerdings darin, dass wir nicht nur verstärkt auf psychotherapeutische Behandlungen angewiesen zu sein scheinen, sondern dass wir uns nun auch um sportliche Betätigung bemühen sollten, um das so vielseitig erleichterte Leben möglichst lange genießen zu können. Als Alternative zu aktivem Sport bieten sich Fitness- und Wellnessangebote an. Und wieder geht es dabei neben dem hedonistischen Effekt und der Suche nach Selbstbestätigung und vermeintlicher „Selbstfindung“ um das Gesundbleiben als ausschlaggebendem Lebensziel. Die Krankenkassen sehen darin vor allem die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und geben damit der Suche nach dem individuellen Sinn des Lebens eine klare und zugleich kollektive ökonomische Ausrichtung. Sport, den unsere Vorfahren nur in Form von spezifischem Drill zur Kriegsertüchtigung kannten, eröffnete ein weites Feld von Geschäftsmöglichkeiten und dient dennoch nur zur Kompensation der Erleichterungen in unserer produktiven Werteverwirklichung.

Keineswegs will ich damit sportliche Betätigung abwerten, ist sie doch eine Art Weiterführung des Spieltriebes aus Kindertagen mit all den selbstauferlegten Herausforderungen. Im ursprünglichsten streng ökonomischen Verständnis kann man allerdings sämtliche Ausgaben für Sport und Fitness als kompensatorische Kosten für den Fortschrittsgewinn unserer Alltagserleichterungen ansehen.

Ich höre da förmlich den Protestschrei ganzer Industriezweige, einschließlich der Reise- und Tourismusbranche, für die sich der Breitensport natürlich als Fortschritt erweist. Das führt mich jedoch geradewegs zum Kern meiner Überlegungen: Denn „Fortschritt“ wurde zu einem rein finanzökonomischen Begriff entwertet. Oder anders ausgedrückt: Fortschritt muss sich in irgendeiner Marktgängigkeit ausdrücken und muss vor allem in Geldgrößen messbar sein. Damit liegen Fortschritte im mittlerweile ökonomisch verengten Verständnis stets einseitig auf der „Haben“-Seite des Lebens und nicht auf der „Seins“-Seite, um es in Anlehnung an Erich Fromm auszudrücken. Denn nur dann sind wir geneigt, etwas als Fortschritt anzuerkennen, wenn sich daraus ein volkswirtschaftlicher Geldgewinn ableiten lässt. In unserer materialistisch geprägten Welt wird im Wert des reinen Seins eine solche Potenzialität nicht erkannt.

Da nützen auch die neuesten Forschungsergebnisse aus der Quantenphysik nichts, die zwar für sich genommen einen großen Fortschritt für die gesamte Menschheit bedeuten würden, wenn man sie als Grundlage für ein neues Weltbild aufgreifen würde. Dadurch aber, dass sie eine fast umstürzlerische Änderung der Machtverhältnisse, vor allem aber des Machtverständnisses bewirken könnten, werden die Erkenntnisse trotz aller Beweisführungen als theoretische Gedankenspielerei abgetan. Von einer Übertragung auf sozialphilosophische Fragestellungen werden sie jedenfalls ferngehalten.

Mit: „Das einzige was ist, ist die Beziehung“, hat aber bereits Meister Eckart im 14. Jht. die nunmehr wissenschaftlich belegten Erkenntnisse vorweg genommen. Die frühkindliche Einbettung in einem bemüht von Ängsten freigehaltenem und entwicklungsfreundlichem Umfeld verweist auf die eigentliche Natur des Menschseins als Teil eines auf Kooperation ausgelegten Beziehungsgeflechts. Das von der Entwicklungspsychologie als Individuation bezeichnete Streben wäre das Erkennen der eigenen Bedeutsamkeit innerhalb dieses Netzwerks. Dem steht jedoch ein falsch interpretierter Emanzipationsbegriff gegenüber, der uns als Subjekt vereinzelt und in Opposition zur eigentlichen Bezogenheit setzt. Dass es dadurch zu einer dysfunktionalen Gesellschaft kommt, wie sie sich heute darstellt, sollte also nicht verwundern.

Es ist nicht nur bedauerlich, sondern extrem bedrohlich, dass unser heutiges Fortschrittsdenken diesen Aspekt total ausblendet. Fortschritt wird damit sinnbildlich zu einem Fortschreiten aus dem Lebenszusammenhang. Der Mensch als Antagonist zur Menschheit.

Soeben sind wir – so wird uns zumindest bedeutungsschwanger erklärt – in ein neues Zeitalter eingeschwenkt: In das digitale Zeitalter. Eine großartige Entwicklung hat da stattgefunden. Allerdings scheint in der Euphorie über all die Möglichkeiten, die sich durch die Entdeckung und Weiterentwicklung des Transistors ergeben haben, in Vergessenheit geraten zu sein, dass auch die digitale Technik den immer noch analogen Menschen in seiner Existenz unterstützen sollte. Vielfach bekommt man jedoch den Eindruck, dass Bits und Bytes mittlerweile zu Machtmitteln neuer Herrschaftsformen über das Leben wurden.

Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Begeisterung sich Menschen zu oft recht banalen Anwendungen digitaler Technik hinreißen lassen. Die Frage, „wo ist der Gag?“ drängt sich mir da meist auf, sollte jedoch nicht gestellt werden, um nicht als rückständig und altmodisch zu gelten. Es geht immer um das Voran. Selbst wenn die voran drängende Spitze immer kleiner – und damit einsamer – wird. Ein Rasten, wie das die Chance für ein Nachfolgen der Masse erfordern würde, um eine Gesellschaft immer wieder in Balance zu bringen, kommt nicht in Frage. Fortschritt ist Wachstum – koste es was es wolle.

Die Technik ist phantastisch, doch die Anforderungen unserer Geldordnung zwingen uns dazu, jegliche Überlegungen, ob mögliche Anwendungen auch sinnvoll sind, auszublenden. Denn Fortschritt muss etwas kosten, damit er in unserer Geldordnung Gewinne bringen kann und dadurch erst als Fortschritt interpretiert wird. Der derzeit europaweit als vorrangig angesehene flächendeckende Ausbau des Glasfasernetzes ist so ein Beispiel, bei dem es gar nicht um etwas Neues geht, sondern nur um die Geschwindigkeitssteigerung von Bestehendem. Hier wird also die (teure) Beschleunigung als Fortschritt eingestuft. Dass diese Art von Beschleunigung dem Leben die Muße rauben könnte, findet keine Beachtung. So wie überhaupt dem menschlichen Maß kein Stellenwert mehr zuerkannt wird. Ob in Geschwindigkeit, in Architektur oder auf den Finanzmärkten. Stets geht es um das Erzwingen von Grenzüberschreitungen. Die Quantität wird über die Qualität gestellt. Das Wissen, „man könnte“, stellt uns nicht zufrieden, man muss es auch unbedingt tun.

Qualität lässt sich eben nur schwer in Zahlen ausdrücken. Ein ebenfalls ganz typisches Beispiel, das mich über den Fortschrittsbegriff sinnieren lässt, liegt im angeblich völkerverbindenden Massentourismus: Wir lassen uns, teils sogar unter widrigsten Bedingungen – dafür sehr preisgünstig – überallhin in der Welt verfrachten, bestaunen voller Ehrfurcht die Kunstwerke vergangener Epochen und Kulturen – und müssen uns eingestehen, Gleichartiges nicht nur nicht mehr zuwege zu bringen, sondern es uns auch gar nicht mehr leisten zu können. Das ist das Bild, das man vor Augen haben sollte, wenn von Fortschritt die Rede ist.

Mit unserer Art des Fortschrittsdenkens sind offensichtlich viele Möglichkeiten verpufft, die zu einer tatsächlichen Menschheitsentwicklung hätten führen können. Zu einer Menschheitsentwicklung im Miteinander. Vielleicht sollten wir einmal von unserem Hochmut herabsteigen, uns als „Krone der Schöpfung“ zu betrachten und uns viel eher an den Beziehungsstrukturen der Ameisen orientieren, denn mittlerweile scheint es nicht mehr nur um den Zerfall der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme zu gehen, sondern es geht um die Auflösung der Menschheit als solcher. Die Erde wird uns auf alle Fälle beerben und sie wird die von uns geschlagenen Wunden locker verkraften und noch einige Milliarden Jahre bestehen. Echte Nachhaltigkeitsziele sollten daher auf dieses Leben danach ausgerichtet sein, was nur bedeuten kann, uns des geistigen Kerns allen Lebens bewusst zu werden. Milliarden Jahre klingt viel, doch die Halbzeit ist bereits überschritten.

Die verbreitete Unkenntnis, dass wir uns vor allem durch die bestehende Geldordnung zu widernatürlichen Handlungen gezwungen sehen, verhindert die lebensnotwendige Einsicht, dass wir im Menschsein auf Kooperation und nicht auf Wettbewerb angewiesen sind. Nur ein kleines Beispiel: So rational der Patentschutz in unserem System auch argumentierbar ist, so widersinnig müsste er doch in global vernetztem Denken erscheinen. Ebenso die aberwitzigen Vorgänge auf den Finanzmärkten und die gegenseitige Ausbeutung und Unterdrückung, ob vermeintlich „friedlich“ über das Finanzsystem oder direkt räuberisch durch Krieg. Auch die gesteigerte Umwandlung von Ressourcen in Müll kann nicht guten Gewissens als Fortschritt angesehen werden (Allein in Bayern, für das mir eine aktuelle Zahl vorliegt, fallen jährlich rund 100.000 Tonnen Elektroschrott an und die durchschnittliche Lebenszeit eines „Handys“ liegt bei nur 19 Monaten).

Angeblich muss das so sein, damit unser System funktioniert. Muss man sich da nicht eigentlich fragen, was „das System“ noch mit dem Leben zu tun hat? Und so ist eine Abkehr von unserem Fortschrittsverständnis keineswegs mit Rückschritt gleichzusetzen, wie man das vielfach als reflexartige Reaktion erfährt, sondern es bedeutet Besinnung!

Günther Hoppenberger, im Jänner 2018