„FINANZWISSEN IST HERRSCHAFTSWISSEN“

Mit dieser Feststellung ließ der CEO der Wiener Börse, Christoph Boschan, während einer Podiumsdiskussion am 10. September 2018 in der „Eventlocation K47“ aufhorchen. Zumindest mich ließ diese Feststellung aufhorchen, als ich darüber im Bericht über diese Veranstaltung in der Presse vom 18.9. las.

Immer wieder wird ja in den Medien über das mangelnde Finanzwissen selbst bei Hochschulabsolventen geklagt. Die Veranstaltung, die auf Einladung der Presse erfolgte und gemeinsam mit S IMMO AG, Hypo Tirol, wikifolio.com und Wiener Börse ausgerichtet wurde, sollte dem offensichtlich abhelfen. Im Prinzip also eine anerkennenswerte Initiative.

Doch worum ging es eigentlich in dieser Diskussion? Was wurde denn überhaupt  unter Finanzwissen und Finanzbildung verstanden? Liest man die Zusammenfassung in der Presse, dann ginge es dabei ausschließlich um die Entwicklung der Cleverness, verfügbares Geldvermögen möglichst risikolos zu vermehren. Die Frage, woher das Geldvermögen überhaupt stammt, wie es entstanden ist und wie und wodurch ich es an mich ziehen konnte, stellt sich dann  gar nicht mehr. Es sind eben Ersparnisse, also nicht für den unmittelbaren Konsum benötigte Forderungen, die nun von Banken, Börsen und Versicherungen eingesammelt werden wollen, um sie möglichst gewinnbringend anzulegen. Denn, so wird behauptet, das Geld „blieb übrig“ durch Konsumverzicht. Dass es, hätte ich es verkonsumiert vielleicht woanders „übrig“ geblieben wäre, unterliegt hier keiner Betrachtung. Es soll jedenfalls angelegt werden – und hinfort statt meiner „arbeiten“.

Was hier Anlage heißt, bezeichnen wir in Wettbüros und Casinos allerdings als Einsatz – was zugleich eigentlich als Konsum durch Loskauf verstanden werden könnte. Und so wie uns im Casino nicht interessiert, wie es den Verlierern geht, soll uns auch nicht interessieren, wem das Geld für unsere Börsengewinne aus der Tasche gezogen wurde. Glück und Pech liegen ja stets eng beieinander. Für den Durchschnittsbürger lässt sich der Effekt institutioneller Veranlagungen aber immer noch am besten dadurch charakterisieren, dass es eine Umwandlung von Ersparnissen in Gebühren zugunsten der Finanzmarktakteure darstellt. Es sei denn, man zählt zu jenen, denen man „Finanzwissen“ zuschreibt – und die Gewinne auf dem Papier häufig gerade noch rechtzeitig zu realisieren verstehen, bevor sie ihren Kunden mitteilen, dass sich „die Märkte“ leider anders als prognostiziert entwickelt haben. Die eben ganz einfach cleverer als die anderen sind – oder zumindest so erscheinen.

Schwieriger wird es für die „Finanzexperten“ zu erklären, was sie denn da eigentlich so machen. Da ist von komplizierten Algorithmen die Rede, von Fundamentaldatenanalyse, von Trend- und Risikofaktoren, vor allem aber stützen sich alle noch so raffiniert angelegten „Finanzprodukte“ – an sich bereits ein obszöner Begriff – auf die Erfahrungen der Vergangenheit. Kein Wunder, denn ein Risiko ist ja nur abzuschätzen, wenn man es kennt. Unbekanntes ist definitionsgemäß nicht kalkulierbar. Und Risiko wird auf den Finanzmärkten grundsätzlich nur als Möglichkeit für Geldverlust definiert. Nicht etwa als Verlustmöglichkeit von Lebensbedingungen, von Friedenserhalt und Gesellschaftsharmonie. Diesen Facetten wird im Bemühen um Geldvermehrung keinerlei, wenn nicht sogar nur störende Bedeutung von den „Finanzexperten“ beigemessen. Da geht es um Geldakkumulierung für wenige. Ein Gesellschaftsaspekt kommt in solchen Überlegungen nicht vor.

Man kann es daher auch anders sehen und damit besser verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist:

Gesellschaftliche Risiken und Destabilisierungen bringen bessere Möglichkeiten für Geldgewinne einzelner.

Da sind wir wieder zurück beim Herrschaftswissen, denn „die Einzelnen“ sind jene, die sich ihres Finanzwissens brüsten und zur Beschleunigung ihrer persönlichen Geldmehrung auch nicht auf die Vereinnahmung der kleinen Sparvermögen verzichten wollen. Die breit gestreuten Angebote auf Hochglanzprospekten sind ja tatsächlich auch sehr verführerisch, richten sich aber genau an jene, denen es nicht nur total an Finanzwissen mangelt, sondern die auch am leichtesten zu bewegen sind, ihr vermeintlich Bestes, also ihr Geld, zur Verfügung zu stellen. Daraus ergibt sich eine Korona rund um die „Finanzexperten“, die sich im Schnitt an plus minus 20% einer Bevölkerung festmachen lässt.

Aus Finanzmarktsicht wären also die restlichen 80% entbehrlich, würde man sie nicht als produktiv Schaffende benötigen und würde man sie nicht dazu benötigen, dem eigenen Geldstreben einen quasi moralischen Anstrich zu verleihen. Denn man gibt ihnen doch „Arbeit und Brot“. Und so hat ja auch für die erfolgreichen „Finanzexperten“ Geld nur insofern Bedeutung, als es das höchste zivile Machtmittel darstellt, sich alle Güter und Dienstleistungen für ein komfortables Leben aneignen zu können.

Und schürt man Geldgier und Machtgeilheit in der Bevölkerung und verbreitet die illusionäre Definition, dass genau das die wahren Erfolgsziele gelingenden Lebens wären, dann hat man die Bevölkerung bereits in der Tasche. Illusionäre Träume werden zur Motivation für Rivalität – die wir als Wettbewerb zu bezeichnen gewohnt wurden – im Dienste der wahren Finanzmarktexperten, die solcherart nach Belieben in den Genuss der eigentlichen Leistungen kommen.

Ohne begrenzende staatliche Regulierungen ist daher ein gesellschaftlicher Zerfall vorgezeichnet, ließe man „die Märkte“ tatsächlich völlig frei schalten und walten. Weshalb sich die Finanzmarktakteure auch vehement gegen jegliche staatliche Eingriffe, sofern sie nicht ihrer eigenen (physischen und pekuniären) Rettung dienen, zur Wehr setzen. Die Gewinnmöglichkeiten in destabilisierten Gesellschaften sind ganz einfach höher und lukrativer und es ist leichter eine Gesellschaft zu destabilisieren und davon zu profitieren, als in generell funktionierenden Gesellschaften auf bessere Verteilungsgerechtigkeit Bedacht zu nehmen. Die „bringt“ ja nichts.

„Finanzwissen“ bedeutet daher auch, dass die Provozierung von Risiken und Gefahren für eine Gesellschaft, interessante Geldgewinnmöglichkeiten in den sogenannten Finanzmärkten eröffnet. Und hierin scheint die Zusammenarbeit von Politik und Finanzmärkten hervorragend zu funktionieren. Nun gut, was heißt schon hervorragend? Hervorragend für wen? Wenn wir nämlich Finanzwissen als Herrschaftswissen anerkennen, weil eigentlich nichts Gegensätzliches vorgebracht werden kann, dann muss man das Ergebnis wohl oder übel als Missbrauch dieses Herrschaftswissens an den globalen Bevölkerungen verstehen lernen.

Man darf den Finanzmarktakteuren jedoch keinesfalls generell – und abgesehen von kriminellen Ausnahmen – ungesetzliches Handeln vorwerfen. Unmoralisch und verwerflich ja, aber ungesetzlich? Es werden nur alle Möglichkeiten ausgeschöpft, auf die die Gesetzgeber absichtlich oder unabsichtlich vergessen haben, oder die zu vernachlässigen ihnen von den „Märkten“ geschickt als notwendig und vorteilhaft verkauft wurden. Das Ausmaß demokratischer Freiheiten wird eben letztlich doch von den „Märkten“ bestimmt. Mittlerweile ist das System ja dermaßen verfestigt und in alle politischen Richtungen abgesichert, dass ein in der Politik etwaig aufkeimendes Finanzwissen, das als Herrschaftswissen prinzipiell ja auch zum Wohle der Gesellschaftsentwicklung eingesetzt werden könnte, keine Chance bekommt, im Parlament diskutiert zu werden. Und hier entlarvt sich das Herrschaftswissen als blankes Machtmittel in falschen Händen. Denn die „Märkte“ bestimmen sowohl über die Zusammensetzung, wie auch über die tendenzielle Ausrichtung der Regierungsvertreter. Nicht von ungefähr ist in den Parlamenten nicht nur kaum Finanzwissen vertreten, sondern keine einzige im Parlament vertretene Partei wagt es, die für eine Gemeinwohlgesellschaft erkennbar problematische Finanzverfassung auch nur ansatzweise zu thematisieren. Das klingt natürlich ganz verschwörungstheoretisch – eine Bezeichnung übrigens, mit der jede Art von Systemkritik immer schon im Keim erstickt wurde. Ich unterstelle jedoch keine Verschwörung, sondern es ist das das folgerichtige Ergebnis verantwortungsloser Einzelinteressen. Eben das, was „der Markt“ hervorbringt und was nach den konsequent hochgehaltenen Modellannahmen angeblich das Beste für die Gesellschaft wäre (Hier kommt auf einmal die Gesellschaft ins Spiel, nach dem Motto: Geht’s den Märkten gut, geht’s uns allen gut).

Nach all diesen Überlegungen erscheint es mir daher höchst unglaubwürdig, dass „die Märkte“ und deren Experten ein tatsächliches Interesse daran haben könnten, Herrschaftswissen als Teil der Allgemeinbildung zu implementieren. Ich meine natürlich richtiges Finanzwissen. Nicht nur das auf dieser Veranstaltung diskutierte Wissen, vergleichbar zur Bedienungsanleitung für die „einarmigen Banditen“ im Casino.

Und zu einem echten Finanzwissen würde zum Beispiel die Erkenntnis zählen, dass Arbeit grundsätzlich nur nachgelagert zur Geldschöpfung stattfinden kann, dass also Geld nicht durch Arbeit entsteht, sondern Geld nur gegen das, was von „den Märkten“ als Arbeit definiert wird, entsprechend den Machtstrukturen in einer Gesellschaft jeweils zugestanden wird. Und es gehört dazu, den Spruch, dass Geld arbeiten könne, entschieden zurückzuweisen. Und zu wahrem Finanzwissen zählt besonders auch die Erkenntnis, dass es in der jüngeren Menschheitsgeschichte immer nur um die Geldschöpfungshoheit ging und immer noch geht. Und hier sollte zumindest in aufgeklärten demokratischen Gesellschaften die Diskussion geführt werden, wem denn nun eigentlich das Geldschöpfungsrecht zukommen sollte. Privaten ohne gesamtgesellschaftlichem Interesse, den „Märkten“ also, oder dem Souverän, also dem Bürger in Form einer demokratisch kontrollierten, regierungsunabhängigen Institution? Oder worauf es hinausläuft, wenn jemand der bereits hoch verschuldet ist, jemand anderem einen Kredit einräumt, der ja dann eigentlich kein Geld sein kann, oder wie das buchhalterisch konkret darstellbar ist. Zum wahren Finanzwissen würde auch die Einsicht zählen, dass Sparen zugleich das Vorenthalten von Einkommensmöglichkeiten für andere bedeutet und dass sogenannte Cleverness in Finanzmärkten grundsätzlich keine gesellschaftszuträgliche Haltung sein kann.

Henry Ford hatte sicherlich schon zu seiner Zeit damit recht, dass wüssten die Menschen über die Funktionsweise der Geldordnung Bescheid, es eine Revolution noch vor dem nächsten Morgen gäbe. So oder so ähnlich soll er es ja gesagt haben. Und am Verbergen und Fernhalten des Herrschaftswissens vor der Bevölkerung hat sich seit damals nichts geändert. Börsenspiele, tägliche Börsenberichte in den Medien und mitlaufende Börse-Ticker auf manchen TV-Sendern bringen dieses Wissen absolut nicht. Sie dienen nur dem Aufrechterhalten von Illusionen, mit denen aber in der Realität Gesellschaften gespalten werden (Als verführerische Saat des Bösen, könnte man es bezeichnen).

Die Möglichkeiten, das Herrschaftswissen in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen, haben sich aber seit Henry Ford für die Bevölkerungen durch das Internet – wenn es denn zweckdienlich eingesetzt würde – enorm verbessert. Man muss nur das wahre Finanzwissen als den entscheidenden Punkt für alles weitere erkennen und sich nicht von den bereitwillig angebotenen Ersatz- und Ablenkungsthemen vereinnahmen lassen. Wahre Finanzbildung in das Bildungssystem einfließen zu lassen, hieße demnach vor allem, das Interesse der Jugend zu wecken, Herrschaftswissen zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen. Es geht um das Prinzipielle. Und die Zukunft wird zeigen, wie weit in der Gesellschaft noch eine besonnene Widerstandskraft mobilisierbar ist. Bei ökologischen Themen funktioniert es ja doch schon halbwegs gut. Jetzt müsste sich nur noch herumsprechen, dass der Schlüssel für die Bewahrung der Lebensgrundlagen in einer neuen Finanzarchitektur liegt.

Aufgrund der unverhohlenen Vereinnahmung der Politik durch „die Märkte“, ist von daher kaum mehr allzu viel zu erwarten. Es wird also an der Zivilbevölkerung liegen, den Schleier nebensächlicher Ablenkungen zu durchdringen und zum Herrschaftswissen vorzustoßen, um qualifizierten Druck auf Politik und Medien auszuüben und Weichenstellungen Richtung Gemeinwohl durchzusetzen. Die neuen Kommunikationsmittel böten alle Voraussetzungen dazu. Und wie es so schön heißt, stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt.

Günther Hoppenberger, im September 2018