DIE TOURISTENPLAGE – UND DAS LIEBE GELD

Im gestrigen „Hart aber fair“ auf ARD (3.9.2018/21.00) ging es um die Probleme, die der Massentourismus in den heimgesuchten Orten verursacht. Wohl zu Recht werden die täglich zigtausenden, sich von Kreuzfahrtschiffen und Billigfliegern in die Städte ergießenden Touristen nicht mehr als Besucher und Gäste, sondern vielmehr als Invasoren empfunden. Hallstadt und weltweit unzählige einstmals idyllische und sehenswerte Plätze, Museen, Ausgrabungsstätten und Kunstsammlungen wissen nur zu gut ein Lied davon zu singen.

Nur phasenweise schimmerten die Aspekte der vernunftgeleiteten „small is beautiful“ Ideologie eines Leopold Kohr durch. Denn es geht im Tourismus um ein beinhartes Geschäftsmodell. Dabei verschweigen die aufwendigen Hochglanzprospekte, dass der einzelne Tourist in der Masse genau das nicht mehr erleben kann, wozu ihn seine Erwartungen zur Reise veranlassten. Auf den Punkt gebracht wurde das am Beispiel „Karneval in Venedig“. In dieser Zeit gibt es praktisch keine Venezianer in der Stadt. Sie sind geflüchtet. Und die Touristen erleben kein Brauchtum, sondern filmen sich nur gegenseitig.

Lange ist es her – es muss so in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein – dass Walt Disney mit dem Film „Die Wüste lebt“ die Faszination für fremde Welten in die Kinos brachte. Die Sehnsucht nach „Das möchte ich auch erleben“ wurde – ganz im Sinne des „Haben-Wollens“ – geweckt und rückte das Erlebnis der filmisch empfangenen Details sogar in den Hintergrund. Übersehen wurde freilich, dass solche Bilder nur durch lange, ausdauernde, von Forschergeist beseelten Aufenthalten zustande kommen können. Schon lange davor gab es natürlich immer wieder von Forschungsreisenden eindrucksvolle Schilderungen über fremde Welten. Unter anderem auch vom Thronfolger Franz Ferdinand, der in seinem eindrucksvollen zweibändigen Werk über seine „Reise um die Welt“ berichtete. Zum Teil wurde aber auch bereits ihm „die Welt“ von den jeweiligen Einheimischen derart präsentiert, dass er keinerlei Gefahren ausgesetzt war. Nun, das waren halt noch mehr oder weniger Einzelreisende und Reisen war strapaziös. Der Normalbürger begnügte sich daher gerne mit den detailgetreuen Bildern und Reisebeschreibungen, die noch Spielraum und Anregung zu eigenen Phantasien boten.

Mit heutiger Technologie zeigen uns TV-Serien wie „Universum“, „Terra-X“, „Lesch’s Kosmos“, und andere, was es auf der Welt alles zu sehen und zu erfahren gibt. Und obwohl man eigentlich wissen müsste, dass man persönlich das filmisch Erlebte vor Ort kaum jemals in der Realität wird vorfinden können – dem steht ja schon die uns verfügbare knappe Zeit entgegen – drängt es uns dennoch danach. Freilich mag es einen Unterschied machen, ob man die „Mona Lisa“ auf einem Kunstdruck betrachtet oder vor dem Original steht. Steht man dann aber umringt von einer Menschentraube vor den Kunstwerken, Ausgrabungen und idyllischen Plätzen die man „unbedingt gesehen haben muss“, dann bin ich mir nicht mehr so sicher, ob der stille Genuss einer Reproduktion oder eines kommentierten filmischen Streifzugs nicht ein wesentlich beglückenderes Erlebnis vermittelt.

In der so überaus fortschrittlich digitalisierten Welt „4.0“ ist es eben gar nicht mehr nötig, sich die Strapazen des Reisens aufzuerlegen. Virtuelles Erleben im heimeligen Zuhause ist jedoch nur die eine Seite der Betrachtung. Denn die Orte, die Sehenswertes anzubieten haben, haben daraus ein Geschäftsmodell gezimmert und versuchen Besucher anzuziehen, die dort ihr in deren Heimatland geschöpftes Geld ausgeben. Die Bevölkerungen behaupten dann in aller antrainierten Weisheit, sie würden vom Tourismus leben und bekunden damit, absolut nichts verstanden zu haben. Denn menschliches Leben ist immer noch und ausschließlich getragen von Land- und Forstwirtschaft, wie auch vom Bergbau. Leben tun wir alle von Essen und Trinken. In der Hektik des Wachstumswahns ist das langsam in Vergessenheit geraten. Und so mögen ein paar hundert Reisende über das Jahr verteilt vielleicht ein kleines Zubrot für die Region bedeuten, Zehntausende und mehr jedoch, erschüttern die gesamte Gesellschaftsstruktur und vernichten genau das, was einst als besondere Attraktivität gepriesen wurde.

Dabei gibt es in diesem Modell nichts zu gewinnen. Die Sehenswürdigkeiten sind weltweit verstreut und es herrscht ein beinharter Wettbewerb um die Touristen. Doch was die eine Region vermeintlich gewinnt, verliert die andere und umgekehrt. Je nach Werbewirksamkeit wird einmal das eine Land bevorzugt bereist, das nächste Mal das andere. Die tatsächlichen monetären Gewinner sind einzig und allein die Reiseveranstalter und Transporteure, denen es egal ist, welche Regionen sie gerade mit Touristen überfluten. Für sie ist wichtig, dass sie die generelle Reiselust aufrecht erhalten, aus der sie ihre Provisionen beziehen.

Vielfach bekommt man sogar den Eindruck, dass es gar nicht mehr um das Reisen-Wollen, sondern um das Reisen-Müssen geht. Man will doch hinter den Nachbarn nicht zurückstehen, die soeben von einem einwöchigen Urlaub von irgendwoher zurück kamen. Und es war so extrem billig, und die Menschen dort waren so ausnehmend nett, und „die“ brauchen uns eben. Also muss man da auch hin. Es ist unglaublich, welche entwürdigende Reisebedingungen akzeptiert werden, selbst wenn man die zusätzlich schikanösen Einreisebestimmungen für die USA außer Acht lässt.

Felix Mitterer hatte das in den späten sechziger Jahren bereits drastisch am Beispiel Tirol skizziert, was ein ausufernder Tourismus mit einem Ort und seinen Menschen anzurichten vermag. Zunächst wird der Einzelhandel aus den Touristenzentren verdrängt und durch Souvenirshops ersetzt. Weil es dort so schön ist, kaufen immer mehr Touristen Ferienwohnungen, die ihnen von Einheimischen, die es eben dort jetzt nicht mehr als so schön empfinden, bereitwillig verkauft werden. Die Wohnungspreise steigen und werden für Einheimische unerschwinglich, was zu deren zusätzlicher Abwanderung führt. Es kann sehr schnell gehen, dass ein einstmals idyllischer und dennoch triebsamer Ort zu einer nur periodisch und fallweise bewohnten Geisterstadt verkommt. Bei Mitterer endet es mit einem mechanischen Ersatz eines Einheimischen, der vor einer Bauernhof-Attrappe sitzt und ausgelöst von einem Bewegungsmelder Vorüberkommende freundlich grüßt. Sehr weit sind wir davon nicht mehr entfernt.

Zum Glück gibt es jedoch immer wieder Bürgerbewegungen, die sich gegen die Besitznahme durch Touristen standhaft zur Wehr zu setzen versuchen. Gegen die Macht des Kapitals stehen sie allerdings leider meist auf verlorenem Posten. Und so wandeln sich einstmalige Lebensräume zunehmend in „Disney-Worlds“ und Kulissen für Touristenströme.

Nichts spricht bei all dem gegen Individualtouristen, doch Touristen gezielt als Lebensgrundlage in steigendem Masse anzuziehen hat für mich durchaus etwas mit Prostitution gemeinsam. Es geht eben nicht oder kaum mehr um die Erlebniswerte, sondern es geht um die Erfüllung der Anforderungen unseres unzeitgemäßen Geldsystems. Dabei bin ich überhaupt nicht auf die katastrophalen ökologischen Folgen eingegangen, die der Massentourismus hervorruft.

Es ist blanker, von neoliberaler Ideologie getriebener Wahnsinn, immer größere Schiffe und Flugzeuge zu bauen. Längst müsste das Argument „Arbeitsplätze“ dafür hinterfragt werden. Denn es darf eben gar nicht um solche Arbeitsplätze gehen, die im Grunde nichts schaffen, sondern nur die numinosen Reste entlegener Weltgegenden zerstören, bzw. zu deren Zerstörung beitragen. Eine Reduzierung auf das menschliche Maß wäre angesagt, an dem sich die globale Finanzarchitektur zu orientieren hätte. Den Größenwahn sollten wir getrost den USA (und mittlerweile auch den Golfstaaten und China) überlassen. Ein schlichtes „Bewahren“ scheint nach offensichtlich erfolgreicher fünfzigjährigen Gehirnwäsche unpopulär geworden zu sein. Harald Lesch hat ganz recht mit seinem Buchtitel „Die Menschheit schafft sich ab“. Die Menschheit opfert sich den ihr von sich selbst auferlegten Regeln des Geldes.

Es muss die Angst vor „den Märkten“ sein, dass sich die Politik nicht um dieses Problemfeld kümmert. Früher oder später werden uns allen aber die Folgen dieser Nachlässigkeit auf den Kopf fallen.

„Die Menschen sollen überall auf der Welt wie und wo sie wollen Urlaub machen können“, war der Tenor auf ARD (besonders durch einen ehemaligen Geschäftsführer eines großen Reiseveranstalters). Diskutiert wurde lediglich die Verteuerung des Reisens, oder Zählkartensysteme und Blockabfertigungen. Der viel tiefer liegende Wahnsinn des Massentourismus fand keine entsprechende Beachtung.