DIE MÄRKTE – Vom Grünmarkt bis zum Vollgeld

DIE MÄRKTE

Flanieren im Trubel

Nach längerer Zeit bin ich heute wieder einmal über den Linzer Südbahnhofmarkt geschlendert. Das Wetter war zwar nicht so ganz ideal dafür, dennoch konnte ich mich an der besonderen Atmosphäre erfreuen, die das rege Treiben eines Marktgeschehens verbreitet. Besonders der Bauernmarkt hat es mir angetan. Mit einladenden Zurufen, oftmals auch mit Witz und Charme wird man da angesprochen und auf verführerische Angebote hingewiesen. Nur nicht gleich stehen bleiben, ist da stets mein Vorsatz, denn ich möchte ja zunächst die Angebote vergleichen, mich eventuell auch erst inspirieren lassen, was ich überhaupt einkaufen möchte.

Irgendwie spiegelt so ein Markt die heile Welt wieder – und ich genieße diesen geschäftigen Trubel. Die Muße in der mich umgebenden Hektik. Die Vielfalt von Verhaltensweisen, die es zu beobachten gibt. Vermarkter und Marktfiranten, wie dieser Beruf so prägnant genannt wird, überbieten einander mit Preisnachlässen. Dennoch scheint die Preisbildung in gutem Einklang mit der jeweils angebotenen Qualität zu stehen. Je später der Vormittag, desto besser. Es bildet sich im Lauf des Vormittags ein Preisgleichgewicht heraus, wie das die Ökonomen in deren schlauen Theorien auch immer schon vorausgesehen haben. Auch dass das Preisniveau insgesamt gegen Mittags leicht absinkt, ist verständlich, denn um 12.00 Uhr ist Schluss. Bis dahin sollten die Tische im Idealfall und gemäß ökonomischer Theorien leergekauft sein.

Was geschieht eigentlich mit der nicht verkauften verderblichen Ware, fragte ich mich, während ich den wieder einmal viel zu üppigen Einkauf zum Auto schleppte. Zur Selbstberuhigung hatte ich mir aber auch gleich eine Antwort zurecht gebastelt: All dieses dann schon welke Gemüse wird wohl am nächsten Markttag zu noch tieferem Preis angeboten, für noch ärmere Leute als mich, um damit zumindest noch einen Deckungskostenbeitrag für den Erzeugerbetrieb zu generieren.

Mit dieser zufriedenstellenden Antwort fuhr ich beruhigt los. Schön, in einer Marktwirtschaft zu leben, dachte ich noch bei mir, zumal ich doch aus meiner beruflichen Zeit im kommunistischen Osteuropa nur allzu gut die vielen leeren Geschäfte jenseits des „Eisernen Vorhangs“ kannte.

Der gedankliche Sprung zu „den Märkten“, von denen wir fast täglich in den Medien erfahren, lag aber dann fast auf der Hand. Es sind das jene Märkte, vor denen sich die Politik zu fürchten scheint. Zumindest lässt sich die Politik von diesen Märkten einschüchtern und man muss zwangsläufig den Eindruck gewinnen, dass es „die Märkte“ sind, die über die politischen Freiheitsgrade bestimmen. Wie oft habe ich schon gehört, dass irgendeine, jeder Vernunft hohnsprechende politische Entscheidung, alternativlos wäre, „weil es die Märkte verlangen“? Die Märkte fordern, die Märkte bestimmen, die Marktsituation legt nahe, ja die Märkte drohen sogar den gewählten Regierungen, sollte man ihren Forderungen nicht nachkommen. Und stets knicken die Regierungen ein.

Alternativlos, wird damit zum Synonym von Ideenlosigkeit. Denn die stets offenstehende Alternative wäre im konkreten Beispiel, nicht einzuknicken. Es geht um die mit jeder Entscheidung verbundenen Konsequenzen! Und damit geht es um die gesellschaftsethische Haltung, auch aufrecht zu den Folgen von Entscheidungen zu stehen. Alternativlos, sollten Entscheidungen nur dann sein, wenn sie sich nach dem von Viktor Frankl als Sinnorgan bezeichneten Gewissen orientieren und wenn ihnen keine Erpressung zugrunde liegt. Kreativität und Ideenreichtum müssen sich besonders am Umgang mit den Folgen aus richtigen Entscheidungen, die nicht immer die bequemsten sein werden, beweisen.

Diese Märkte scheinen also ziemlich mächtig zu sein und sie haben wohl auch kaum etwas mit dem Linzer Südbahnhofmarkt zu tun. Sogar ganz gewiss nicht, denn diese machtausübenden Märkte sind die weltweit agierenden Börsen mit deren Akteuren. Da werden keine Standmieten vom Marktamt kassiert. Sieht man von den Agrarmärkten einmal ab, auf denen allerdings – und das auf ziemlich unerklärliche Weise – auch das x-fache der Jahresproduktionen verderblicher Agrargüter gehandelt werden, brauchen sich diese Börsen, wie man die Handelsplätze nennt, sonst keinerlei Sorgen über die Verderblichkeit ihrer Ware zu machen.

Schulden

Die Ware sind Schulden. Die verderben nicht. Vielfach wird die Ware aber auch als Geld bezeichnet, weil Schulden, die man im Tausch gegen reale Güter weiterreichen kann, die Funktionsweise von Geld haben. Und hier liegt offenbar der Schlüssel zur Erpressbarkeit der Staaten, unter Ausschaltung jeglicher Mitsprachemöglichkeit des Souveräns.

Es war eine propagandistische Meisterleistung dieser Märkte, dass sich in den Bevölkerungen die weitverbreitete und dennoch irrige Annahme so hartnäckig hält, dass die jeweiligen Staaten das Geld herstellen, das wir als Tauschmittel im Alltag verwenden. Es hat sich auch das Gerücht verbreitet, dass im Unterschied zu den Angestellten in den Märkten, ausgerechnet alle jene beamteten Personen, die für den Staatshaushalt zuständig sind, keinen blassen Schimmer von Wirtschaft haben, weshalb sich die Staaten jährlich und immer höher verschulden müssten. Deshalb genießen Sparankündigungen des Staates meist weitläufige Zustimmung (Soweit es uns nicht selbst betrifft), denn wer Schulden hat, ist bekanntlich nicht frei.

Obwohl: Auch die Gläubiger sind nicht so ganz frei. Die bangen nämlich, ob ihnen der Schuldner ihr Geld samt Zinsen, als Gegenwert für den momentan in kauf genommenen Verzicht, wird zurückzahlen können. Es liegt aber stets in der Hand des Gläubigers, ob ein Schuldner seine Schuld tilgen kann, oder nicht. Da geht es also um die Vertragsgestaltung zwischen Schuldner und Gläubiger. Es geht darum, was der Gläubiger als Schuldentilgung zu akzeptieren bereit ist. Die übliche Erwartung ist in letzter Konsequenz ein realer Gegenwert, also ein echter Wert, der durch Arbeit entstanden ist und der dem Gläubiger eine höhere Bonität im Falle einer beabsichtigten Kreditaufnahme verleiht. Es ist das der Samen zur Entwicklung von eigentlichem Vermögen, zum sukzessiven Aufbau von rechtlich abgesichertem Eigentum.

Auf den Finanzmärkten, und das ist jetzt ein kleiner Vorgriff auf die Gedanken, die ich erst entwickeln möchte, geht es jedoch vor allem darum, die Potenzialität zur Aneignung von Realwerten zu steigern. Man will im Augenblick gar nichts mit realen Gütern zu tun haben, sondern will nur fortlaufend die Möglichkeiten steigern, sich Güter und Dienstleistungen anzueignen. Zu zeigen, „ich könnte“. Da klafft dann natürlich schon bald die Schere zwischen Angebot und potenzieller Nachfrage auseinander. Das scheint mir auch der Kern der Bedrohung der Gesellschaftsstrukturen durch die Märkte zu sein. Je mehr sie erkennen, dass ihre vermeintliche Potenzialität nur virtuell ist und nichts mehr mit realen Möglichkeiten zu tun hat, erfolgt der Druck auf die Staaten, den diese wiederum nur an ihre Bürger weitergeben können.

„Ach, du philosophierst schon wieder vor dich hin“, ruft meine Frau im Hintergrund, während ich das frische Gemüse aufbereite. „Wir haben doch mit unserem erarbeiteten Einkommen auch den Kredit für unser Häuschen abbezahlt. Und gut war’s“. Auch wenn das natürlich stimmt, irritieren mich solche Zurufe in meinen Gedanken eher, als mich zu beflügeln, weil ich glaube, dass das mit dem Kern der Sache nichts zu tun hat.

Nun, eines steht ja zweifelsfrei fest: Es gibt keinen Staat mehr auf der Welt, der nicht verschuldet wäre. Eigentlich müsste genau das zu denken geben. Wir diskutieren jedoch immer nur über die Höhe der Schulden, stellen die Schulden als solche aber nie infrage. Wieso das?

Was ist denn das eigentlich für ein Geld, in dem die Staaten verschuldet sind? Staatliches Geld kann es ja nicht sein, denn wie könnte man sich bei sich selbst verschulden? Obwohl, da wüsste ich schon eine Antwort darauf: Wenn es nämlich staatlich erzeugtes Geld ist, kann es doch nur über Beamtengehälter und über Nachfrage des Staates, mit der er seinen Gemeinwohlaufgaben nachzukommen hätte, in Umlauf kommen und solcherart produktiv wirken. Wenn nun aber leere Kassen auftreten, was zunächst klar ist, weil das Geld ja doch umläuft und weil mit ihm viele Werte geschaffen werden und weil, wie es im materialistischen Jargon so schön heißt, die Menschen davon leben, doch wenn in der nächsten Periode kein Geld mehr für die Staatsverwaltung und die gemeinwohlorientierte Nachfrage des Staates da ist, dann hat das Steuersystem wohl irgendwie versagt. Geld hat doch seine Aufgabe erfüllt, sobald damit Werte geschaffen wurden. Es muss daher periodisch immer wieder abgesaugt werden, um es neuen Werteschaffungen in der nachfolgenden Periode zuführen zu können, bzw. den Kauf der in der Vorperiode geschaffenen Werte zu ermöglichen. Der Wert einer Brücke liegt in ihrer Existenz und nicht im Geld, das nach der Fertigstellung ja immer noch vorhanden ist. Geld sollte nur dazu dienen, den Leistungsaustausch zwischen allen am Bau Beteiligten, bis hin zu den Rohstofflieferanten zu ermöglichen und deren Lebensansprüchen halbwegs gerecht zu werden. Wozu durchaus auch die Möglichkeiten zur Verwirklichung von, bzw. Annäherung an Lebensträume zu inkludieren sind.

Und da kommt das Vertrauen ins Spiel, wie auch das Eigentumsrecht. Ein ehemaliger österreichischer Vizekanzler, der nach seiner kurzen Politikerkarriere zum Unternehmer wurde und sich seither darauf berufen darf, Arbeitsplätze geschaffen zu haben und sogar Steuern zu zahlen, hat einmal den erstaunlich scharfsinnigen Satz von sich gegeben: „Die Tragik unseres Systems liegt darin, dass wir die Vorsorgegedanken vergangener Mangelzeiten, auf das Geldsystem übertragen haben“.

Diese Unsicherheit, ob wir in der nächsten Periode wieder an Geld herankommen können, uns durch irgendeine Gegenleistung wieder das nötige Geld verdienen können, veranlasst uns, nicht alles Geld wieder in den Wirtschaftskreislauf zu entlassen, sondern einen Teil davon zurückzuhalten. Zu sparen, oder zu horten. Wie immer man es auch nennen will. Und hier ist immer noch die Rede von staatlichem Geld – und das ist Bargeld, das einzige gesetzliche Schuldentilgungsmittel, für das bei Gläubigern Annahmezwang besteht. Nur dieses Geld hat ja der Staat anfänglich in Umlauf gebracht. Und ausschließlich dieses Geld sollte er auch als Tilgung von Steuerschulden akzeptieren.

Die Zeiten sind unsicher, weshalb wir die zurückgehaltenen Scheine und Münzen nicht daheim aufbewahren wollen, sondern sie einer Bank zur – vermeintlichen – Aufbewahrung in ihren Tresoren überantworten. Außerdem wird uns versprochen, dass sich unsere Ersparnisse wie von selbst vermehren. Wie das möglich sein kann, wollen wir gar nicht wissen. Hauptsache es geht schnell und verleiht uns jährlich ansteigend ein immer größeres Sicherheitsgefühl. Es ist angeblich der Lohn für unseren momentanen Konsumverzicht. In Wahrheit haben wir eigentlich auf nichts verzichtet, sondern es ist uns nur gelungen, vom – im Beispiel dem Brückenbau gewidmeten – umlaufenden Geld mehr an uns zu ziehen, als wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse benötigten.

Auf alle Fälle geben wir uns einmal mit dem Depotschein der Bank zufrieden. Der kann verschiedene Formen haben, wie z.B. als Sparbuch mit je nach dem fix vereinbarter Depotzeit, oder auch nur als Kontoeintrag, wo sich das deponierte Geld allerdings nur sehr langsam, wenn überhaupt, vermehrt, dafür aber – angeblich – jederzeit verfügbar ist. So, oder so, haben wir das Geld gegen eine gedruckte Zahl getauscht, mit der uns die Bank ihre Schuld uns gegenüber bestätigt. Wir haben den Status eines Gläubigers gegenüber der Bank eingenommen. Die Bank ist unser Schuldner.

Da dem Staat aber dieses Geld für die nächste Periode fehlt, borgt er sich das Geld aus und wird zum Schuldner der Bank, die ihrerseits unser Schuldner ist. Und schon ist der Staat bei sich selbst verschuldet, denn wir sind der Staat!

Schnitt! Schnitt! Schnitt! – So kann das niemals funktionieren. Oder? Auch wenn viele tatsächlich meinen, der Staat erzeuge das Geld – interessanter Weise sind es meist Dieselben, die gedankenlos die hohen Staatsschulden kritisieren – läuft das keineswegs so ab. Da gibt es nämlich noch eine Instanz, die nahezu unabhängig vom Staat und außerhalb staatlicher Einflussmöglichkeiten existiert. Gleichsam die nationale Repräsentanz der geheimnisumwitterten Märkte. Eigentlich als Marktaufsichtsbehörde gedacht, mutierte sie immer mehr zum verlängerten Arm, zum („alternativlosen!“) Verbündeten und vereinnahmten Mitspieler der Märkte: Die Zentralbank.

Die Zentralbanken

Entgegen der weitverbreiteten öffentlichen Meinung, drucken die Zentralbanken in den ihnen – soweit nicht bereits privatisierten – angeschlossenen Druckereien kein Geld, sondern sie stellen „streng kontrollierte Drucksorten“ her. Man kennt diese, eine völlig falsche Information aussendenden Bilder aus den regelmäßigen Nachrichten zu Finanzfragen, wo uns gezeigt wird, wie sich da die großen, noch unbeschnittenen Bögen aus der Druckmaschine aufstapeln, oder wo vermeintliches Geld palettenweise und sehr eindrucksvoll in den Tresorräumen der Nationalbank verräumt wird. Wie gesagt, ist das aber kein Geld, sondern es sind nur ganz spezielle Drucksorten.

Drucksorten, die erst in dem Augenblick zu Geld werden, sobald sie sich jemand unter Nachweis seiner Berechtigung, bzw. unter Sicherheitsleistung, für die neuerdings auch höchst zweifelhafte Schuldscheine anerkannt werden, und gegen ein Zinsversprechen ausborgt. Vor allem muss es zuerst eine irgendwie verbriefte Zahl geben, die von der Zentralbank als Bringschuld anerkannt und mit so einer Drucksorte, die damit erst zum Bargeld wird, getilgt werden kann. Das so genannte Buchgeld muss also dem Bargeld stets vorausgehen. Etwas, das nur wenigen bewusst zu sein scheint, obwohl jeder wissen müsste, dass man von seiner Bank nur dann Bargeld erhält, wenn es gegen einen Buchgeldeintrag getauscht wird, und sei es, dass dieser Eintrag selbst, durch einen Kredit entstanden ist.

Da könnte sich also der Staat ………? Immerhin hat der ja noch die Steuerhoheit, die er als Sicherheit verpfänden ……..? Nein, und nochmals nein! Das kann er nicht.

Zunächst hat ja der Normalbürger keinerlei Stellung in einer Beziehung zur Zentralbank.  Und der Staat hat ebenfalls kein Dreinrederecht. Geschäftsbeziehungen zur Zentralbank gibt es nur von den nach durchaus strengen Kriterien ausgewählten Banken. Früher, als der Bargeldverleih der Zentralbanken noch ein lukratives Geschäft war, weil überwiegend bar bezahlt wurde, waren diese Banken meist selbst noch als Miteigentümer beteiligt und konnten sich dadurch einen Teil der Gebühr, die sie für das Bargeld zu entrichten hatten, wieder zurückholen. Mittlerweile haben sie sich zurückgezogen und die meisten Zentralbanken gehören nunmehr den Staaten, die jedoch nur als stimmrechtslose Aktionäre zu verstehen sind. Ansonsten sind die Zentralbanken unabhängig, stehen außerhalb demokratischer Einflussmöglichkeiten und jedenfalls quasi über der Regierung. Pikanter Weise trägt die Position des Chefs unserer Zentralbank den Namen „Gouverneur“. Er ist der Statthalter des Geldes, das zwar kein staatliches ist, aber durch die Rechtsordnung immerhin staatlich legitimiert ist.

Eine prominente Sonderstellung nimmt die US-amerikanische Notenbank, die FED (Federal Reserve), wie sie genannt wird, ein, die über die regionalen Notenbanken der Bundesstaaten, die wiederum den Großbanken gehören, im Privatbesitz dieser Banken steht. Aber das ist ein Sonderfall, der zwar weitreichende globale Folgen hat, sich jedoch historisch aus der fatalen Gründungsurkunde von 1913 ergab. Darauf einzugehen, will ich mir heute aber verkneifen.

So viel sei aber vielleicht doch einmal zwischendurch angemerkt: Die Geschichte ist am besten als der – immer noch anhaltende – Kampf um die Hoheitsrechte über das Geld zu verstehen. Es ist ein vielfach in blutigen Kriegen ausgetragener Rechtsstreit. Alle so genannten Kriegsgründe, ob rassistisch, religiös, nationalistisch oder sonst wie vorgeschoben, lassen sich in ihrem Kern auf das Ringen um die Herrschaftsrechte über das Geld zurückführen. Das sollte man sich heute mehr denn je bewusst machen. Denn eine extrem wichtige, wenngleich wenig diskutierte Eigenschaft des Geldes ist, dass man damit Macht ausüben kann – indem man es anderen vorenthält. Im Schuldgeldsystem würde das bedeuten, dass sich der Schuldner von seinen Schulden nicht befreien kann, selbst wenn er noch so hart arbeitet und Werte schafft und wenn diese Werte dann nicht ausreichend für eine Schuldentilgung akzeptiert werden.

Es ist ja schon irgendwie bemerkenswert, welche Gedanken einem da so auf einem harmlosen Marktspaziergang zufliegen. Und welche Fragen da erst alle auftauchen! Eine wesentliche Frage, die in kaum einer politischen Diskussion auch nur ansatzweise berührt wird, ist die Frage nach der Entstehungsweise unseres Geldes. Wer hat eigentlich das Recht, Geld zu schaffen? Oder, wie es in der Fachsprache heißt, Geld zu schöpfen? Wer hat das Recht, quasi eine Zahl aufzuschreiben und zu sagen, „das ist Geld“?

Gelddeckung

Ich weiß schon. Jetzt kommen natürlich die Anhänger des Goldstandards zu Wort, die immer schon die mangelnde „Deckung“ unseres Geldes beklagt haben. Sie argumentieren, dass unser Geld ja noch bis 1971 über den US Dollar als Leitwährung, eine proportionale Deckung durch physisches Gold aufwies und dass sich erst nach Aufhebung dieses letzten Goldstandards die globale Wirtschaftslage so dramatisch verschlechtert hat. Sie vergessen dabei allerdings, dass die Goldgewinnung nicht nur sehr aufwendig, sondern auch äußerst umweltschädlich ist. Und sie blenden die Frage aus, woher denn das Geld für den Gewinnungsprozess selbst kommt und für die Überbrückung des Lebens während dessen Dauer. Auch die Goldgräber brauchten für ihre Suche entsprechende Ausrüstung und Mittel zur Überbrückung der Zeit, bis sie ein Nugget gefunden haben. Wenn sie eines gefunden haben. Es ist ganz in Ordnung, dass unsere Wirtschaft von dem goldgedeckten Geld befreit wurde. Noch dazu, wo Gold selbst als Spekulationsobjekt dient und damit kaum als Stabilitätsanker taugt. Es ist schlicht unnötig, abgesehen davon, dass es ziemlich unintelligent erscheint, etwas mit großem Aufwand aus der Erde zu holen, um es dann wieder in den Kellerräumen der Notenbanken zu bunkern.

Denn weder von Gold, noch von einer Zahl auf Papier kann man tatsächlich leben, wenn es nicht etwas gibt, das mir in der Eigentumsübertragung beim Tauschakt zum Überleben dienen kann. Auch noch so gut funktionierendes Geld hat letztlich immer Vertrauen zur Voraussetzung, dass ich dagegen etwas Reales eintauschen kann.

Es ist aber bezeichnend, dass sich die neuen Kryptowährungen, wie z.B. Bitcoin, da nahtlos einreihen. Mit dem Begriff „Mining“ lehnen sie sich an die Goldgräber an. Es bedarf aber einer ziemlichen Rechnerkapazität und damit vieler materieller und energetischer Ressourcen, um Bitcoins zu „schürfen“, die ihren Wert dann wieder nur durch die Relation zu einer gesetzlichen Währung erhalten, wenn mit dieser überhaupt Bitcoins nachgefragt werden. Da könnte man ja viel kostengünstiger und auch ressourcenschonender Hosenknöpfe herstellen. Interessant dürfte allerdings die noch umstrittene Technologie der „Block-Chain“ für Bezahlvorgänge sein. Lassen wir es einmal dabei, bevor ich mich noch auf die Vor- und Nachteile der Anonymität von Bezahlvorgängen auslasse – und mir womöglich wieder Zwischenkommentare meiner Frau anhören muss.

Geldschöpfung

Mittlerweile weiß ich – und ich stehe nicht an einzugestehen, dass ich das nicht immer wusste – dass unser Geld nahezu ausschließlich von Banken mit jeder Kreditvergabe erzeugt wird. Geld entsteht durch Kredite durch das Bankensystem. Punkt. Es wäre auch ganz wichtig, endlich einmal zu erkennen, dass Geld nicht durch Arbeit entsteht, sondern dass für Arbeit nur bereits entstandenes Geld, gemäß den jeweils bestehenden Machtstrukturen zugeteilt wird. Daran sollte man bei jeder Diskussion denken, in der es um die Schaffung von Arbeitsplätzen für das „Wachstum“ geht!

Es sollte auf jeden Fall auch klar sein, dass derartiges, im Akt einer Verschuldung entstandene Geld, nach Schuldentilgung auch wieder verschwunden ist. Diese einfache Erkenntnis scheint jedoch gar nicht so geläufig zu sein, wie sich das in Interviews mit Politikern immer wieder zeigt, wenn ihnen Sparprogramme und Schuldenreduktion als Patentlösung für eine florierende Wirtschaft nahegelegt werden. Oder wenn manche Wirtschaftsjournalisten den albernen Rat geben, der Finanzminister müsse von den derzeit sprudelnden Steuereinnahmen etwas für schlechte Zeiten zurücklegen. Volkswirtschaftlich gespartes Geld ist gar nicht existent und ist betriebswirtschaftlich das Vorenthalten von Einkommensmöglichkeit. Eine verzwickte Sache also.

Da hilft es aber auch nicht, wenn man von der völlig irrigen Annahme ausgeht, dass die Kredite aus einer Art Dagobert Duck’schem Geldspeicher stammen, sie also eigentlich Darlehen wären, wie irgendein geliehener Gegenstand, der nach Gebrauch und Rückgabe wieder zur Verfügung stünde, wenn der Inhalt des Speichers selbst nur aus Kredit entstanden sein konnte. Unser Geld ist ein Schuldgeld, oder auch Passivgeld, wie man ebenfalls sagen kann.

Und die derzeitige rechtliche Lage ist dergestalt, dass es den Zentralbanken verboten ist, Staatshaushalte zu finanzieren. Der Staat, der uns Bürger als den eigentlichen Souverän vertritt, muss für das zur Staatsführung benötigte Geld über „die Märkte“ gehen. Er muss sich verschulden. Was erklärt, weshalb alle Staaten zwangsläufig verschuldet sind. Und da sind wir wieder bei den Märkten gelandet. Wer sind diese verflixten Märkte eigentlich, die angeblich so mächtig sind?

Nun, in erster Linie werden das einmal die rund zwanzig weltweit größten Banken sein, die überhaupt berechtigt sind, Staatsanleihen in einer Art von Auktion zu erstehen. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Banken das Geld, das sie den Staaten als verzinsten Kredit leihen, auch tatsächlich hätten. Mitnichten. Diese Banken erzeugen das Geld praktisch aus dem Nichts als Buchungssatz bei der Kreditvergabe. Der Staat bekommt eine Zahl auf sein Konto geschrieben, die besagt, dass ihm das Bankensystem in selber Höhe Geld schuldet. Der Staat ist damit zufrieden und kann diese Zahl ja auch wie Geld verwenden, auch wenn es nur eine Forderung auf Geld gegenüber dem Bankensystem ist.

Andererseits hält das Bankensystem jetzt die Forderung auf verzinste Rückzahlung gegenüber dem Staat in Händen. Diese Forderung, die vielleicht den Anschein staatlichen Geldes erwecken könnte, lässt sich jetzt aber gewinnbringend verwerten. Man kann sie an so genannte Anleger, bzw. an das Publikum verkaufen. Die Banken erhalten dadurch nachgelagert zur eigentlichen Kreditvergabe die Refinanzierung an den Börsen, wo diese Schuldtitel gehandelt werden. Sie holen sich dort die Liquidität, die sie eigentlich bei der Kreditvergabe hätten haben sollen. Das ist, natürlich nur ganz grob skizziert, das Prinzip des Weiterreichens von Schulden in den Märkten. Denn auch die „Liquidität“ kann ja nur aus einer Verschuldung entstanden sein, und die hängt immer noch dran. Und so geht es in den Märkten offensichtlich darum, darauf zu vertrauen, dass sich stets ein noch Dümmerer findet, der sich einen oft zweifelhaften Schuldtitel umhängen lässt.

Dieses Prinzip gilt grosso modo auch für alle anderen gehandelten Papiere, von Unternehmensanleihen, bis hin zu den undurchschaubaren Derivaten. Es ist vielleicht auch erwähnenswert, dass sich Banken sowohl gegenseitig, wie auch Kunden guter Bonität, gerne auch Kredite einräumen, damit diese solche Papiere  kaufen können. Und so lässt sich leicht verstehen, wie sich diese Türme aus lauter Forderungsketten in den Märkten aufbauen und ein eigenes Finanzbiotop schaffen, das weder etwas mit Gemeinwohlaufgaben am Hut hat, noch mit realwirtschaftlichen Belangen.

Börsen

Die Märkte sind ein einziges Casino für Glücksritter und die Börsen sind ihre Handelsplätze. Es ist wie beim Pokern. Man spekuliert auf zukünftige Entwicklungen und vor allem aber auf die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen aufgrund des Verhaltens der anderen. Zeichnet sich die Indikation eines Trends ab? Sind Probleme für ein Unternehmen absehbar? Fängt vielleicht irgendwo ein neuer Krieg an, an dem man verdienen könnte? Welche Informationen sickern von irgendwoher durch? Kommt ein neues Unternehmen mit überzeugender Werbung an die Börse? Ist es Bluff, ist es gar eine Betrugsmasche? Ein weites Feld also, für Spielernaturen.

Wenig überraschend behaupten die Börsen im Brustton der Überzeugung, dass sie für die Bereitstellung von Liquidität sorgen. Zum Teil stimmt das ja. Durch den regen Austausch an den Handelsplätzen kann ich, sollte ich börsennotierte Papiere verkaufen wollen, darauf vertrauen, dass es dafür einen Preis und auch Nachfrage gibt. Der Preis ist der, der er dann eben gerade ist. Das ist es, was unter Bereitstellung von Liquidität verstanden wird. Dass die Börsen heute alle bereits automatisiert sind und praktisch nur mehr Computer nach vorgegebenen Algorithmen gegeneinander handeln, macht die Sache freilich nicht übersichtlicher. Der realwirtschaftliche Nutzen ist bei Handelsfrequenzen im Millisekundentakt jedenfalls sehr fragwürdig.

Zur Kapitalbeschaffung bei Unternehmungsgründung oder für Neuinvestitionen und/oder Ausweitung von Marktanteilen, sind Börsen freilich eine fabelhafte Institution. Es muss einem nur bewusst sein, dass man zusammen mit dem Kapital auch Miteigentümer bekommt. Die Aktionäre. Die wollen vor allem, dass ihre Investition möglichst rasch eine hohe Rendite erzielt, sie wollen aber auch mitreden und können auf den Hauptversammlungen oft ganz schön lästig sein. Die weitere Kurspflege, wie das so schön heißt, bringt dem Unternehmenskern jedoch nichts. Sie ist dennoch wichtig, um feindliche Übernahmen abzuwehren, bzw. eine solche eventuell selbst aktiv vorzubereiten. Auch das Management spielt da oft ganz heftig mit, um zum Stichtag die gesetzten Ziele erreicht zu haben und auch, um über etwaige Aktienbonifikationen selbst davon profitieren zu können. Mit der Konzentration auf die Kurspflege bleibt das Kerngeschäft dann oftmals auf der Strecke. In manchen Konzernen sollen die Gewinne aus Finanzspekulationen bereits höher liegen, als mit Produktion und Verkauf erzielt wird. Das nur nebenher.

Niemand stellt sich doch heute noch die Frage, ob ein Unternehmen einen gesellschaftlichen Nutzen erbringt. Die Zahlen müssen stimmen! Für das Gemeinwohl? Wo kämen wir denn da hin? Wir leben doch nicht nur in einer Marktwirtschaft, sondern auch in einer Leistungsgesellschaft. Und wem es gelingt, mehr Geld aus dem Markt an sich zu ziehen, als es guten Gewissens zustünde, hat eben mehr geleistet. Basta. Rauschgifthändler und Zuhälter stehen damit im Ranking einer Leistungsgesellschaft viel höher, als z.B. die Friseuse oder eine Kindergärtnerin? Die Leistung wird am vereinnahmten Geld gemessen, nicht umgekehrt.

Naja. Da steigt in mir schon auch heftiger Widerspruch auf. Rauschgifthändler und Zuhälter zahlen doch keine Steuern! Aber tragen sie nicht dennoch mehr zum Wachstum bei, als die beispielhafte Friseuse? Vertreter des so genannten konservativen Lagers sollten sich das einmal vor Augen führen. Das BIP als Wachstumsindikator ist für solche Überlegungen offensichtlich denkbar ungeeignet. Es ist ja auch nur eine relative Geldzahl. In einem Schuldgeldsystem bedeutet daher Wirtschaftswachstum vor allem eines: Schuldenwachstum. Und zwar Schuldenwachstum des Gesamtsystems.

Einmal ehrlich. Eine Volkswirtschaft lässt sich doch ganz grob in vier Sektoren unterteilen: In Haushalte, Unternehmen, den Staat und den Außenhandel. Wie ich zu zeigen versuchte, können – außer persönlichen Kreditschulden, wenn sie denn abgearbeitet werden können – Schulden in der Gesamtheit niemals getilgt werden, sonst gäbe es kein Geld. Und die Forderungen auf Geld, die vermeintlichen Ersparnisse, würden ins Leere stoßen. Das wäre ja blöd. Die Verschuldung des Gesamtsystems muss daher allein wegen der aushaftenden Zinsen und Gewinnerwartungen immer zunehmen. Es geht also nur um die Geschwindigkeit und darum, aus welchem dieser vier Sektoren die Zunahme der Verschuldung herkommt. Welchem Sektor gelingt es besser, die Schulden auf die anderen Sektoren zu übertragen? Eigentlich ist es der Kern jeder politischen Tätigkeit, auf die Harmonisierung der Schuldentragfähigkeit zwischen diesen vier Sektoren zu achten. Dass solche Erwartungen an die Politik aber kaum irgendwo erfüllt werden, ist nicht zu verkennen.

Soeben fällt mein Blick auf eine Schlagzeile des Tages. Die voraussichtlichen Koalitionspartner beginnen Ihre Verhandlungen mit einem „Kassasturz“. Niemand fragt, was das volkswirtschaftlich bedeutet. Ist es denn nicht vergleichbar mit dem Stürzen einer Puddingform, in der kein Pudding drinnen ist? Dennoch soll damit nach Spielräumen im Budget gesucht werden. Viel Erfolg! Besonders die Förderungen stehen da im Kreuzfeuer des Interesses. Da lässt sich gewiss viel „einsparen“. Abgesehen davon, dass solche Förderungen natürlich indirekte Wirtschaftsförderung sind, geht es jetzt um die Frage, wem man seine gewohnten Einnahmemöglichkeiten vorenthalten kann, ohne dass mir die Betroffenen ihre Anerkennung entziehen. Ich brauche ja ihre Stimme zu meinem Machterhalt bei der nächsten Wahl wieder! Eine knifflige Aufgabe, bei der erfahrungsgemäß auch nichts herauskommen wird.

Wettbewerb

Wir erfahren auch regelmäßig, dass es in unserer derzeitigen Gesellschaftsordnung vor allem um den Wettbewerb geht. Wir müssen darauf achten, wettbewerbsfähig zu bleiben – oder zu werden. Es ist dieser Wettbewerb zwischen den vorhin identifizierten vier Wirtschaftssektoren und daraus abgeleitet auch der Wettbewerb innerhalb diesen. In diesem Wettbewerb geht es darum, wer geschickter ist, sich dadurch selbst zu entschulden, dass er die Schulden auf andere Schultern zu übertragen vermag. Dass es daraus zu Rivalität, bis hin zu Kriegen kommt, sollte daher nicht allzu sehr verwundern.

Wie auch bei jedem sportlichen Wettbewerb, gibt es Sieger und Verlierer. Das ist klar. Während man jedoch bei sportlichen Wettbewerben immer wieder zu Vergleichsmessungen antreten kann, sich durch Willenskraft, Ausdauer und Training, von Mal zu Mal gegenüber den anderen auch verbessern kann, scheiden die Verlierer im Finanzspiel aus. Da geht es um die nackte Existenz. Da stehen die Sieger voller Stolz und hohnlachend den Verlierern ziemlich mitleidslos gegenüber. Selbst großzügige Spenden, die ohnehin meist nur widerwillig gegeben werden, wenn sie nicht zu mehr Prestige, Macht und Einfluss führen, sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Aber soll doch der Staat schauen, was er mit diesen offensichtlichen Versagern macht (?). Von unwertem Leben darf man ja nicht sprechen. Das gehört sich nicht. Aber dass die Verlierer auf vergleichbarem Standard weiterleben sollen, wie die Sieger, das geht doch schon einmal gar nicht. Da würde doch die „Palme des Sieges“ entwertet. Das wäre doch unfair. Deshalb protestieren „die Sieger“ immer so heftig gegen die in ihren Augen unmäßigen Sozialleistungen des Staates. Die Zumutbarkeit von Lebensumständen ist für sie kein Thema – zumindest so lange, als sie selbst nicht davon betroffen sind. Die Zunahme von Armut und Verelendung in ihrem Lebensumfeld versuchen sie durch Sicherheitsmaßnahmen, Abschottung und ihren Vorstellungen entsprechende Rechtsetzungen zu kompensieren. Alles, was nur im leisesten als Einschränkung ihrer persönlich gewonnenen Freiheit erscheinen könnte, wird von ihnen als kriminell, ja sogar als terroristisch gebrandmarkt.

Lebensqualität

Dass es langfristig aber unmöglich ist, ohne Bedachtnahme auf das Glück der anderen, glücklich zu leben, wie das der Dalai Lama einmal auf den Punkt brachte, scheint „die Sieger“ in unserem noch relativ breit gestreuten Wohlstand nicht zu beschäftigen. Der Staat möge dafür sorgen, aber er soll mir deswegen keinen höheren Tribut für das Gemeinwohl, für dessen Mangelerscheinungen ich doch wirklich nicht verantwortlich gemacht werden kann, abverlangen. Immerhin schaffe und erhalte ich doch Arbeitsplätze. Oder etwa nicht?

Es ist unglaublich, wohin mich meine Gedanken noch alles führen. Mit den Arbeitsplätzen ist das nämlich auch so eine eigene Sache. Glaubt man der Politik, dann ist die Schaffung von Arbeitsplätzen ein vorrangiges gesellschaftliches Ziel, obwohl doch jedes Kind weiß, dass es der Lebensqualität viel zuträglicher ist, zu spielen oder sich mit Freunden und in der Familie auszutauschen, als so, wie die sorgengeplagten Eltern, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, von deren Sinn sie oft selbst nicht überzeugt sind.

Dennoch scheint das notwendig zu sein, was auch die Kinder mit zunehmendem Alter schon bald erkennen müssen. Und da stehen wir dann wieder ziemlich am Anfang meiner Überlegungen. Denn Erwerbsarbeit ist eine Tätigkeit, die Werte schaffen soll. Was für Werte? Marktwerte natürlich! Etwas, das von den Märkten bewertet werden kann, einen Preis umgehängt bekommt und erst damit handelbar wird. Zuneigung, Liebe, Fürsorge, Redlichkeit, ethische Gesinnung, etc. scheiden da mangels Bewertbarkeit schon einmal aus. Selbst Lebensfreude, sofern sie sich nicht durch tiefenpsychologische Tricks manipulieren lässt und den Wandel vom Homo Sapiens zum Homo Öconomicus begleitet. Wenn also als einzige Quelle von Lebensfreude, Glück und Erfüllung, der Konsum erkannt wird.

Auch wenn Geld nicht durch Arbeit entsteht, muss es dennoch etwas mit Arbeit zu tun haben. Klar. Um überhaupt leben zu können, brauche ich Geld. In unserem System also eine auf mich weitergereichte Schuld, der ich nur meine Lebenszeit und Fähigkeiten gegenüberzustellen habe. Sinn, hin oder her, ich muss etwas tun, was auf den Märkten handelbar ist und mich von meinen Schulden befreit. Um es deutlich zu machen: Zuerst muss das Geld da sein, um mich überhaupt in eine arbeitsfähige Position zu setzen, damit ich überhaupt hoffen kann, das dann abarbeiten zu können. So, wie auch der Goldgräber hofft, seinen Gläubiger mit einem Goldfund zufriedenstellen zu können.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Keinesfalls vertrete ich die Meinung, dass Menschen keiner Erwerbsarbeit nachgehen sollen. Im Gegenteil! Es entspricht ja der menschlichen Natur, unserer Neugier, Experimentierfreudigkeit und unserem Forscherdrang, etwas zu tun. Kein Mensch hält es über längere Zeit aus, nichts zu tun. Glück, Erfolg und Muße-Haben, sind zuständige Gefühle, wie das Viktor Frankl so wunderbar beschreibt. Es sind Gefühle in einem Zustand, den wir nur dann empfinden können, wenn dem etwas anderes vorangegangen ist. Dieses Etwas muss im weitesten Sinn irgendeine Tätigkeit gewesen sein, die in einer für uns möglichen Werteverwirklichung lag. Als banales Beispiel, wenn ich, völlig erschöpft, mit dem Holzhacken fertig bin, oder auch nur das Baby gewickelt habe, oder auch in einer Fabrik eine Schicht lang, wertvolle und für sinnvolle Weiterverarbeitung benötigte Dinge hergestellt, oder deren Herstellung überwacht habe.

Das hat mit Geld noch nichts zu tun. Der Schwerpunkt liegt im intentionalen Sinn. Eine noch so schwere Tätigkeit, deren Sinn sich mir nicht erschließt, oder die ich nur mit „schlechtem“ Gewissen ausübe, wird mir schwerlich ein Glücksgefühl nach vollbrachter Leistung vermitteln. Da sich solche Tätigkeiten aber durch den Überlebens-Wettkampf und den Zwang an Geld zu kommen, in ausgereiften Volkswirtschaften auszubreiten scheinen, hat sich Geld als vermeintliche Kompensation des Glücks,…. in den Vordergrund gedrängt. Geld als Sinnersatz. Und dementsprechend sieht die Welt heute aus. Trotz vielem Geld sind die Menschen nicht glücklicher – aber sie versuchen es sich einzureden. Weil es ihnen eingeredet wird, sich das einzureden. Es braucht aber schon eine etwas abartige Persönlichkeitsstruktur, aus der Herstellung eines z.B. Maschinengewehrs, Glücksgefühle herzuleiten.

Aber so lange es dafür einen Markt gibt, werden diese Maschinengewehre und noch weit tödlichere Dinge hergestellt werden. Es schafft noch dazu Arbeitsplätze! Die am Herstellungsprozess Beteiligten werden zwar psychisch erkranken, nehmen es aber für ihre Familien und für die BIP Steigerung auf sich. Sie können damit ja tatsächlich, angeblich sogar „gutes“ – weil viel – Geld verdienen. Sie verkaufen ihre Seele. Deshalb geben sie sich auch mit dem unschlagbaren Argument, „machen wir es nicht, dann machen es andere“ zufrieden. Viel Spaß beim Geldausgeben, kann ich da nur sagen. Und sollten wir damit Probleme haben und nicht wissen wofür, dann hilft uns die Werbeindustrie gerne auf die Sprünge.

Grundeinkommen

Wir leben eben in einer Geldwirtschaft; was auch gut ist. Die Frage ist nur, ob die Zuteilung von Geld nach so genannter Erwerbsarbeit überhaupt noch zeitgemäß ist. Wenn Geld die Voraussetzung zum Überleben in unserer Gesellschaft ist, dann sollte es wohl jedem bedingungslos und in einem Ausmaß, dass die Teilhabe an der Gesellschaft möglich ist, zur Verfügung gestellt werden. Als bedingungsloses Grundeinkommen.

Trotz zahlloser Vorteile, die das bringen würde, liegt das meist reflexartige und häufigste Gegenargument in der angeblichen Unfinanzierbarkeit. Es wäre zwar sogar in der bestehenden Geldordnung finanzierbar, freilich noch besser, man würde eine neue Geldarchitektur entwickeln, die die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens als eines ihrer Ziele bereits berücksichtigt. Für zusätzliches Einkommen auf dem Markt, bliebe noch genügend Spielraum.

Es würde jedoch die Erpressbarkeit der Menschen durch Geld wegfallen, wie auch alle sich daraus ableitenden gesellschaftlichen Verwerfungen, weshalb ich voraussichtlich noch weiterträumen muss. Von einer besseren Welt – die durchaus möglich wäre. Bei einem existenz- und teilhabesicherndem Grundeinkommen bestünde ja die Möglichkeit, sinnlose oder gar gesellschaftsschädigende Tätigkeiten abzulehnen. Im Idealfall würden dann ausschließlich als sinnvoll erkannte Erwerbsarbeiten ausgeführt. Mit Überzeugung und damit auch mit höchster Hingabe. Freiwillig und mit hoher Qualität. Das werde ich wohl nicht mehr erleben, aber schön wäre so eine Welt dennoch.

Damit es nicht dazu kommt, und im festen Glauben, dass Geld durch Arbeit entsteht,  steht die Schaffung von Arbeitsplätzen im Zentrum politischer Anstrengungen. Absurd? In gesättigten Märkten gewiss. „Gesättigt“, als Begriff, darf es aber in einer kapitalistischen Marktwirtschaft gar nicht geben. Das ist einleuchtend, weil es doch im Kern nur um das Anwachsen der Verschuldung des Gesamtsystems geht. Zahlen haben keine Obergrenze. Eine Null lässt sich immer wieder anhängen.

Und schließlich beruht der Glaube an die Möglichkeit unendlichen Zahlenwachstums auf einer dem Menschen verallgemeinernd unterstellten Annahme: Die Bedürfnisse der Menschen sind grenzenlos. Und wenn sich diese Annahme einmal nicht als zutreffend erweist, muss man eben Bedürfnisse wecken. Ob mit Vorschriften erzwungen, oder durch hysterifizierendes Aufzeigen von Mängeln und Problemen, von denen die Bürger noch gar nicht bemerkt haben, dass sie die hatten. Reicht das

immer noch nicht, dann muss man eben eigens Probleme für die Bürger schaffen, die diese nur unter vorgegebenen Rahmenbedingungen lösen können. Im schlimmsten Fall und bei widerspenstigen Bevölkerungen, kann das bis zu Kriegsinszenierungen gehen.

Zielsetzungen für Arbeit

Es sind neuerlich „die Märkte“, die darüber bestimmen, was es zu erarbeiten gilt. Die den Normalbürgern vorgeworfene Gier entstammt offensichtlich den fiktiven Zahlenspielen der Märkte, mit denen sie nach Akkumulierung von Machtpotenzialen trachten und deshalb zu Gier verführen, wenn nicht sogar dazu anstiften.

Daraus ergibt sich ein weiteres Dilemma für den Staat, der widmungsgemäß die Interessen der Allgemeinheit und nicht nur die von machtbesessenen „Spielern“ zu wahren hätte. Wenn nämlich die Märkte darüber bestimmen, was es zu erarbeiten gilt, dann wird das von ihnen nach den Relationen von Investition und Rendite vorgegeben. Dabei haben freilich solche Bereiche wie Kinder- und Jugendbetreuung, Anstand, Bildung, Kunst und Kultur, Altenbetreuung, oder gar Sinnfindung, verdammt schlechte Karten. Alles, was für die Fortentwicklung einer friedlichen, gedeihlichen und mehr oder weniger harmonischen Gesellschaftsentwicklung dienlich sein sollte.

Die Märkte beklagen zwar die Bildungsdefizite in der Bevölkerung, weil es an den von ihnen zur eigenen Machtfestigung gewünschten Fähigkeiten mangelt – und die Staaten haben darauf reagiert, indem sie all die als unnötig reklamierten Bereiche, die früher in unterschiedlichen Abstufungen als Allgemeinbildung bezeichnet wurden, aus den Lehrplänen entfernten. Kulturtechniken braucht man nicht mehr und das gesamte Detailwissen hat heute jedes Kind als i-phone oder Tablet einstecken. Wissen wird heute nicht mehr erarbeitet, sondern in seiner jeweils aktualisierten Zusammenfassung „gegoogelt“. Bildung wurde zur Ausbildung. Zum Anlernen von gewünschten Fähigkeiten – z.B., wie man googeln soll. Eine Bibliothek wird meist nur mehr als anachronistisch belächelt. Da bleiben dann leicht, wie das zunehmend zu beobachten ist, Sprache, Handschrift, Ästhetik und Umgangsformen, um nur einiges zu nennen, erwartungsgemäß zu allererst auf der Strecke.

Nun möchte ich zwischendurch nicht verhehlen, dass es mir bewusst ist, dass man alles so vor mich hin Gedachte natürlich wissenschaftlich und auch viel differenzierter und mit einer Fülle von Literaturverweisen und Zitaten darstellen kann. Dadurch aber auch viel unverständlicher. Ich glaube sagen zu können, dass es über praktisch jeden der von mir geschriebenen Absätze, hunderte Bücher und Publikationen mit zig tausenden Seiten gibt. Mir geht es aber darum, die Zusammenhänge der Dinge so auf den Punkt zu bringen, wie sie in Erscheinung treten. Wie sich Entwicklungen im Alltag abzeichnen. Wie uns das Verwunderliche täglich begegnet, ohne dass wir es noch bemerken und ohne dass wir uns die Zeit nehmen, selbständig darüber nachzudenken. Uns zu fragen, wie die Dinge funktionieren, bzw. zu fragen, weshalb sie eigentlich nicht funktionieren. Vielleicht auch gar nicht funktionieren können.

Der Staat muss sparen. Klar. Das leuchtet jedem ein – vor allem jenen, die in einem  Staat ein gewinnbringendes Unternehmen sehen wollen und den Staatshaushalt mit dem persönlichen Haushaltsbudget vergleichen; jenen also, die sich die Frage nach der eigentlichen Herkunft des Geldes noch nie gestellt haben. Das klappt und beruhigt offensichtlich, so lange man regelmäßig am Monatsende eine Zahl auf dem Konto vorfindet.

Privatisierung

Da ja der Staat angeblich nicht wirtschaften kann, hat er sich von nahezu allen auf Gewinnziele ausgelegten Beteiligungen getrennt. Das fand mit der großen Privatisierungswelle statt, in der der Staat unser aller Eigentum, meist zu einem Schnäppchenpreis an private Investoren verscherbelte. Freilich sprach auch viel dafür. Parteipolitische Vereinnahmung und Freunderlwirtschaft hatten diese staatlichen Firmen exzessiv belastet und ausgesaugt. Privatisierung war daher ein guter Schachzug. Theoretisch! Die Investoren werden daraus gewinnbringende Geschäfte machen, so die Annahme, und werden entsprechende Steuern abliefern. Gewinne machen sie mittlerweile tatsächlich, doch werden sie steuerschonend minimiert, über Schachtelbeteiligungen in Steueroasen transferiert, oder auch für die Prosperität des Unternehmens reinvestiert. In vielen Fällen werden die Gewinne aber auch einfach nur als Dividende an die Aktionäre, zu denen der Staat dann eben nicht mehr zählt, ausgeschüttet – und meist ebenfalls in Steueroasen gebunkert.

Das vordergründig Gute daran ist freilich, dass damit Arbeitsplätze geschaffen, bzw. erhalten werden. Ganz gleich also, womit diese Unternehmen Einnahmen generieren, Hauptsache sie können damit möglichst viele Arbeitsplätze finanzieren, auch wenn die Schaffung von Arbeitsplätzen kein unternehmerisches Ziel ist.

Vor diesem Hintergrund beantwortet sich die Frage wie von selbst, weshalb es für manches ausreichend und ohne viel Diskussionen Geld gibt, wohingegen es für gesellschaftlich meist dringend nötige Dinge an Geld mangelt. Wie ich zu zeigen versuchte, kommt das Geld ja von „den Märkten“. Und das soll sich rentieren. Vor allem sollte es einen attraktiven Zinsengewinn abwerfen. Regelmäßig und möglichst langfristig. Wer würde da z.B. schon gerne in Kindergärten, oder in die Altenpflege investieren?

Derartige Investitionen sind vor allem Investitionen in Personalkosten, die ja nichts bringen. Es sind zwar Investitionen in gesellschaftliche Zukunft, die sich vielleicht im Lauf mehrerer Generationen als „Wert-Dividende“ wohltuend auswirken, aber in absehbarer Zeit ganz einfach nicht als Geldwert zurück kommen. Solche unrentablen Investitionen mögen, bitte schön, dem Staat überlassen bleiben – und der hat kein Geld. Und wirtschaften kann er obendrein ja auch nicht. Denn muss man einer Kindergärtnerin wirklich so viel Entlohnung zugestehen, dass sie tatsächlich davon leben kann? Arbeit mit Kindern macht doch Freude. Warum soll man die noch zusätzlich mit Geld versüßen?

Privatschulen und Privatkindergärten demonstrieren uns, wie es geht. Die Eltern zahlen für ihre Sprösslinge und staatliche Förderungen gibt es obendrauf – und am Ende des Jahres schaut sogar ein Gewinn heraus. Steuern? Wir halten ohnehin Menschen in Beschäftigung. Wir geben ihnen „Arbeit und Brot“ und die Angestellten führen unweigerlich Lohnsteuer und Pensionsbeiträge ab. Elitenprojekte, wohlmeinend mit Steuerzuschüssen ausgestattet, sind halt nur schwer auf die Allgemeinheit und das Gesamtsystem übertragbar.

Wie sich Privatisierungen ziemlich rasch auf die Gesellschaftsstrukturen auswirken können, haben wir beispielhaft an der Zerschlagung der Post erfahren müssen. Die bedeutsame soziale Funktion, die die Post durch ihre Präsenz in jedem Ort und jedem Anger einstmals hatte, ging völlig verloren. Der gesellschaftliche Wert fand bei der ökonomischen Ausschlachtung keine Beachtung. Er war eben marktmäßig nicht bewertbar. Und so geht es bei vielen Privatisierungsprojekten vor allem um kurzfristige und damit kurzsichtige Gewinnerwartungen „der Märkte“.

Wenn der Staat bereit ist, soll heißen, wenn ihm möglichst nichts anderes übrig bleibt, das von mir erwartete Einkommen als Kosten zu verbuchen, bin ich gerne bereit, ihm welche Tätigkeit auch immer, als Privatunternehmer zur Verfügung zu stellen. Sparen darf er woanders. Das ist Marktwirtschaft.

Ich hoffe, dass da die Erkenntnis nicht untergeht, dass die Privatwirtschaft ziemlich traurig aussehen würde, gäbe es nicht den Staat als den wesentlichsten Auftraggeber. Er ist stets als Schuldner willkommen, auch wenn er mitunter eine schlechte Zahlungsmoral aufweist und dadurch auch immer wieder Firmen, meist kleine, in Konkurs drängt. In den stillen Tod. Besonders wenn die betroffenen Beschäftigtenzahlen unter der öffentlichen Aufmerksamkeitsschwelle liegen.

Soeben ist der Hype um den flächendeckenden Breitbandausbau in der politischen Diskussion aufgebrochen. Die Investitionen werden kommen. Von allen Bürgern getragen. Noch lange, bevor allen Kindern die Möglichkeit zu einem ausreichenden Frühstück zur Verfügung steht und noch lange, bevor es ausreichend Kinderbetreuungsplätze geben wird. Die Gewinne werden voraussichtlich an die Betreiber gehen und sich in den Finanzmärkten, von denen das Hauptinteresse am Breitbandausbau ausging, als Machtzugewinn abzeichnen.

Ich wage nun die kühn anmutende Behauptung, dass alle, wirklich alle, nur scheinbar unlösbaren Probleme, mit denen Politik und Bürger konfrontiert sind, ihren Ursprung in der nicht mehr zeitgemäßen Geldordnung haben. Geld als Schuld zu schöpfen, kann die Aufgabenstellungen einer modernen, ausgereiften Bürgergesellschaft, schon lange nicht mehr erfüllen. Spätestens seit Mitte der achtziger Jahre war das erkennbar und wurde auch von vielen Ökonomen erkannt. „Die Märkte“ haben sich jedoch bis heute als stärker erwiesen. Die fortschrittlichen und zukunftsweisenden Ökonomen wurden vom „main-stream“, der stur an die Gottgegebenheit der Finanzarchitektur glauben will, an den Rand gedrängt. „Geldordnung“ ist eines der größten politischen Tabus. Wir lassen uns lieber zu Kriegen missbrauchen, als uns einzugestehen, dass etwas, das einstmals offensichtlich so hervorragend funktioniert hat, nicht zwangsläufig auch in der zeitlichen Entwicklung weiterhin funktionieren muss. Deshalb wollen wir daran nicht rühren, selbst wenn wir dadurch zugrunde gehen.

Das „Ich werde es schaffen“, steht als Herausforderung über den gesamtgesellschaftlichen Überlegungen. „Meine Kinder sollen es einmal besser haben“, kommt dabei jedoch bezüglich Aussicht auf Erfüllbarkeit schon arg ins Wanken.

Vollgeld

Dabei entstand die prekäre Situation vor allem aus einer Unterschätzung der Bedeutung von Zahlungsweisen und der Negierung der Herkunft unseres Zahlungsmittels. Unser überwiegendes Tauschmittel ist heute nicht mehr Bargeld, sondern es ist von Banken erzeugtes Buchgeld, mit dem sie als Gläubiger gegenüber den Staaten auftreten. Ein Staat, der solcherart die Hoheit über sein Geld aufgibt, kann jedoch nicht mehr als souverän betrachtet werden. Und wir, als Bürger, hängen da dran. Gegenüber Nationalrat und Regierung können wir uns zwar als Souverän wähnen, doch was bedeutet das, wenn wir samt unseren Vertretern keine Hoheit über das Geld haben?

Es würde nur relativ geringfügiger gesetzlicher Änderungen bedürfen, um die Dinge zeitgemäß zurecht zu rücken. Das alleinige Recht jeglicher Geldschöpfung (Bargeld und Buchgeld) müsste einer unabhängigen, jedoch demokratisch kontrollierten Institution zustehen, die auch über die Verwendung zu entscheiden hätte. Es wurde dafür der Name „Monetative“ vorgeschlagen. Neben Legislative, Judikative und Exekutive, als vierte und zugleich wichtigste staatliche Gewalt. Damit würde „Vollgeld“ entstehen. Ein Positivgeld, mit dem die Schuldner-Gläubiger Positionen zwischen Staat und Bankensystem getauscht würden. Der souveräne Staat wäre dann in der ihm eigentlich immer schon zustehenden Rolle des Gläubigers gegenüber den Banken. Die sukzessive Entschuldung der Staaten durch Geldschöpfungsgewinn und Verleihzinsen, ergäbe sich wie von selbst.

Keinesfalls sollen damit die Banken verstaatlicht werden, wie das die Kritiker des Vollgeldes reflexartig ausdrücken. Banken sollen auch weiterhin privatwirtschaftlich das tun, was sie – heute noch fälschlicherweise – behaupten zu tun: Kredite vermitteln und den Zahlungsverkehr abwickeln. Dann aber mit Vollgeld, das nach Kredittilgung eben nicht, wie das von Banken selbst erzeugte Kreditgeld, verschwindet. Das bildlich, tatsächlich wieder in Dagobert Ducks Geldspeicher zurückwandert und womit ein „Kassasturz“ erst Sinn machen würde.

Freilich ist so eine Vollgeldreform keine Patentlösung, die sämtliche Probleme augenblicklich löst. Es ist jedoch der erste und wichtigste Schritt, um überhaupt an weitere Reformschritte denken zu können. Die Notwendigkeit zu weiteren Reformen wird dann jedoch von den gesellschaftspolitischen Erfordernissen gesteuert werden können und nicht von den Machtansprüchen anonymer Märkte diktiert.

Bevor ich mich jetzt zurückziehe, um die mittlerweile köstlich zubereiteten Gerichte von meinem Einkauf am Linzer Südbahnhofmarkt zu genießen, möchte ich noch darauf hinweisen, dass sich auf www.monetative.de, www.vollgeld.de, www.monetative.at, www.vollgeld-initiative.ch und www.positivemoney.org, zahlreiche detaillierte Informationen für jene befinden, deren Interesse am Geld ich mit meinen Gedanken wecken konnte.

Nicht zuletzt auch, lohnt natürlich Schmökern auf www.lifesense.at immer.

Günther Hoppenberger, im November 2017