ANGST VOR FRIEDEN?

Angst vor Frieden?

Unter diesem Arbeitstitel schrieb ich Mitte der 90er Jahre an einem (seither ruhenden) Buchprojekt. Beseelt von der festen Überzeugung, dass Frieden nicht nur möglich, sondern zum Überleben der Menschheit nötig ist, habe ich sowohl die sprachlich in die Irre zum Krieg führenden Verleitungen, wie auch die psychisch zur Angstbekämpfung und die zu vermeintlichem Selbstschutz konstruierten Vernebelungen, die letztendlich zu einer breiten Akzeptanz von „Krieg“ als Option führen, aufgearbeitet.

Das Thema hat seither nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil! Nie, seit dem Ende des 2. Weltkrieges, war die Brisanz deutlicher erkennbar, als in der jetzigen, spannungsgeladenen Zeit mit übervollen Waffenarsenalen und Brunftritualen zweifelhafter Staatsführer. Dennoch würde hier der gesamte Umfang meiner Überlegungen zu weit führen (Außerdem kann ich mich momentan nicht zur entsprechend notwendigen Überarbeitung aufraffen). Deshalb seien hier nur ein vorangestelltes „Wortspiel“, die in der Arbeit entwickelten „12 Thesen für den Frieden“ und die Schlussbemerkung zur Diskussion gestellt.

Genugkriegen oder genug kriegen?

Als Kind noch kriegen wir Bonbons, später kriegen wir dann Noten, kriegen Schelte von den Eltern, kriegen Grippe jedes Jahr,

kriegen alles was wir wünschen, kriegen einen Job sogar.

Kriegen Partner, kriegen Kinder, kriegen Haus mit Garten auch,

sind vom Wohlstand ganz benommen, kriegen einen fetten Bauch.

Kriegen Lob und kriegen Aufstieg, kriegen Ehren sonder Zahl,

kriegen Krankheit, kriegen Freunde, kriegen Erbschaft allemal.

Kriegen unsre midlife-crisis, kriegen unsren Ehekrieg,

kriegen letztlich unser Leiden, das bislang uns ferne blieb.

Und dann kriegen wir Gedanken, die ganz neu und ungewohnt,

kriegen Ängste und erkennen, dass wir alles was gekriegt, eigentlich doch nur bekommen.

G.H.

12 Thesen für den Frieden

  1. These:    Kriege gibt es, weil sie einer Menschenmöglichkeit  entsprechen.
  2. These: Kriege sind menschliche Willensentscheide und keine Naturereignisse.
  3. These: Kriege und sonstige gesellschaftlich tolerierte und vermeintlich zu verstehende Gewaltakte werden zur Aufarbeitung des eigenen Fehlverhaltens gegenüber dem Leben benützt.
  4. These: Wir brauchen ein Reengineering (Neuerfindung) unserer Hilfssysteme.
  5. These: Beziehungslosigkeit gegenüber sich selbst und gegenüber lebensdienlichen Hilfssystemen, verstärkt die Missbrauchbarkeit bis hin zum Krieg.
  6. These: Der Macht muss das Prestige entzogen werden. Dazu muss der Machtbegriff aus der Beliebigkeit seiner Verwendung befreit werden.
  7. These: Es ist das Militär selbst, das die Angst einflößende Bedrohung darstellt.
  8. These: In uns und in anderen muss die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Seins erkannt und anerkannt werden.
  9. These: Wir müssen uns mit den inneren und äußeren Sinnbarrieren in unseren Entscheidungsfindungen auseinandersetzen.
  10. These: Die pyramidale (dogmatische) Wertewelt muss zu einer horizontalen Wertewelt umstrukturiert werden.
  11. These: Es ist die Funktionsweise des Geldes die verhindert, dass der erreichte Lebensstandard zu Lebensqualität führen könnte.
  12. These: Wir müssen über unseren dogmatischen Schutzschirm hinauswachsen.

 

Schlussbemerkung:

Beschäftigt man sich mit der Frage „Warum Krieg – Warum kein Frieden?“, dann stoßen wir sehr rasch auf die beiden kontroversen Menschenbilder: 1. Der Mensch ist grundsätzlich gut und um Frieden bemüht, und 2. Der Mensch ist grundsätzlich schlecht, böse und kriegerisch. Beide Menschenbilder können durch zahlreiche Argumente gestützt werden und es erweckt den Anschein, dass es nur darauf ankommt, für welches Menschenbild man die Richtigkeit beweisen möchte. Die Geschichte bietet sich dabei als seriöse Quelle für beide Beweisführungen an. Wie so oft, versuchen wir aus der Geschichte die Beweisführung für Unveränderbares in Gegenwart und Zukunft herzuleiten. Viele hochwissenschaftliche Arbeiten sind aus dem Anliegen entstanden, das eine oder das andere Menschenbild zu beweisen und das jeweilige Menschenbild für Vorhersagen über zukünftige Haltungen zu verfestigen – und zu dementsprechend vorbeugendem Handeln anzustiften. Die Wahrheit mag dabei wohl in der Mitte liegen. Der springende Punkt scheint aber doch zu sein, den Menschen in seinem ganzen Wesen auf der Grundlage von allem was war zu erschauen, und sich die Frage zu stellen, was er im nächsten Schritt sein möchte. Nichts zwingt Menschen dazu, sich immer wieder gleich zu entscheiden, wie in der Vergangenheit. Die Freiheit des Willens ist die wesenhafte Charakteristik, die einzig dem Menschen aus seiner Begründbarkeit in der geistigen Dimension zu eigen ist. Unsere Antworten auf die Fragen des Lebens können deshalb jederzeit auch auf neuen Entscheidungen beruhen, die uns aus vertrauten Mustern unserer Haltungen herausreißen könnten.

„Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach“, heißt eine häufig verwendete Entschuldigung für lebensabträgliche Entscheidungen. Und es scheint tatsächlich darum zu gehen, welcher Dimension in uns wir die vorrangige Unterstützung und Stärkung zuteil werden lassen. Es ist gar keine Frage, dass es nicht immer leicht fällt, sich für die Lebensbezogenheit zu entscheiden – dem Gewissen zu folgen. Dass wir uns die größten Hindernisse dabei selbst auftürmen und ihre Existenz durch eine ausgefeilte Argumentation rechtfertigen, steht jedoch außer Zweifel und wurde unter dem Thema „Sinnbarrieren“ (u.a. besonders auch von Elisabeth Lukas) eingehend behandelt.

Zu wissen, wie es zum 30-jährigen Krieg kam hilft uns jedoch gewiss nicht, eine kollektiv für das Leben richtige Entscheidung von unserem jeweils jetzigen Standort aus zu formulieren. Was aber hilft, ist die Erkenntnis über die Veränderbarkeit der Blockaden unserer Wertsichtigkeit und über die Möglichkeit, sich trotz Angst für das Richtige zu entscheiden. Wie Viktor E. Frankl so grandios sagte: „Wir brauchen uns von uns nicht alles gefallen lassen“.  Oder wie auch Christian Morgenstern erkannte: „Wir brauchen nicht so fortzuleben wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein“.

Prof. Gustav Ruhland schrieb 1908 in „System der politischen Ökonomie“: „Kriege sind Lösungsversuche wirtschaftlicher Fragen in kapitalistischem Sinn“. Ebenda schrieb er: „Krieg ist Erwerbsarbeit der Reichen“. Die bittere Wahrheit, die in diesen Sätzen steckt, scheint mir hinreichend bewiesen. Auch Günter Hannich kommt in „Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise“ zum analogen Schluss: „Krieg dient im Prinzip dazu, das zusammenbrechende Zinssystem wieder zum Laufen zu bringen. Wie der bewaffnete Konflikt im Detail verläuft, ist in diesem Zusammenhang zweitrangig“. Ganz schlimm – sollte aber dennoch nicht entmutigen! Im Gegenteil. Es sollte zur Beweisführung anstacheln, dass es auch anders geht.

Es wird in Zukunft darum gehen, dem menschlichen Verlangen nach veränderten Ausrichtungen zum Durchbruch zu verhelfen. Das bedingt die eigeninitiative Schärfung unserer Wertsichtigkeit durch Auflösung der selbstgeschaffenen Sinnbarrieren. Es bedingt die Kenntnis über Herkunft, Gestaltung und persönliche Funktion der Barrieren und über ihre Bedeutung für uns. Henry Ford sen. soll einstmals gesagt haben, “Die Jugend, welche die Geldfrage zu lösen vermag, wird mehr für die Welt tun als alle Soldaten der Geschichte zusammen“. Und ist es denn nicht gerade die Geldordnung, die unserer geistigen Entwicklung als äußere Sinnbarriere im Wege steht und an der wir trotz allem ängstlich festhalten, obwohl sie sich machtvoll zwischen Herrschaft und Souverän schiebt?

Im täglichen Ringen um unsere Entscheidungen können wir hautnah die Möglichkeiten des Menschseins erfahren. Was aber wären wir, wäre unser Ringen auf Destruktivität ausgerichtet? Welchen Wert hätte unsere Destruktivität für uns, wenn wir in ihr unsere Willensfreiheit verleugneten? Die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts entspringt unserem individuellen Desinteresse an wesentlichen Entscheidungen. Wir haben es zugelassen, zu einer „Spaßgesellschaft“ mutiert zu sein. Nicht Problembewusstsein oder gar Wertsichtigkeit standen die letzten Jahrzehnte im Fokus unserer Lebensausrichtung. Dass wir darunter langsam zu leiden beginnen, bestätigt zwar unsere sukzessive Abweichung vom Gesollten, das Leiden an Ungewolltem bestätigt aber auch das grundsätzlich lebensbezogene Streben der Menschen.

Vielleicht ergibt sich im Laufe der Jahre die Möglichkeit, dass es z.B. Mediatoren sind, die von den Bevölkerungen delegiert werden und dass nur jene Personen mit politischen Ämtern betraut werden dürfen, die sich in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern zwingend dem öffentlich zugänglichen Mediationsverfahren unterwerfen. Bei Abbruch der Mediation würde augenblicklich die Amtsenthebung erfolgen. Mediation ließe sich also sowohl in der Innenpolitik anwenden und könnte weite Bereiche der häufig emotional und stimmenheischend geführten parlamentarischen Debatten erübrigen, wie auch zur zwischenstaatlichen Konfliktbereinigung.

Unbeeinflusst von unveränderbarem Ballast der Vergangenheit glaube ich, dass

  1. Allen Problemen unserer Zeit mit lebensbezogenem Willen beizukommen ist, dass
  2. Wir einen neuen gesellschaftlichen Konsens über ein wahrscheinlich neu zu konstruierendes Menschenbild benötigen, für das sich das Menschenbild der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl besonders eignen dürfte, und dass wir
  3. Ein gerechtes Wirtschaftssystem benötigen, das dann auf dieses Menschenbild bezogen ist.

Berücksichtigen wir diese drei Punkte in unseren Entscheidungen und Handlungen, dann könnte es gut und gerne sein, dass wir schon bald keinen anderen Zustand mehr, als jenen des Friedens kennen.