„4.0“ – und wie weiter?

Wir leben im Zeitalter 4.0, sagt man uns. Und jeder, der etwas auf sich hält und nicht als Hinterwäldler dastehen möchte, nickt zustimmend. Was soll aber damit eigentlich ausgedrückt werden? Was ist neu? Was war davor? Hat es da einen ersehnten Entwicklungssprung gegeben? War der Sprung von 3.0 zu 4,0 sinnvoll, oder vielleicht nur unvermeidlich? Worin liegt der Gag? Worin der gesellschaftliche Beitrag?

Alles ist auf einmal 4.0. Die Wirtschaft, der Arbeitsmarkt, die Gesellschaft, ja und sogar die ganze Epoche. Schade eigentlich, dass ich voraussichtlich die Gesellschaft 5.0 nicht mehr werde erleben können – sollte es die überhaupt noch geben. Ist diese so fortschrittlich klingende Bezeichnung einer Epoche nicht vielleicht nur ein neues Argument, weshalb gesellschaftlich vernünftige Maßnahmen leider nicht ergriffen werden können? 4.0 – so wie davor das Wort „Globalisierung“, mit dem jegliche Ansätze von vernunftgeleiteter Politik zum Schweigen gebracht wurden? Zum Beispiel in der Art: „Was glauben sie denn, das können wir uns nicht mehr leisten, wir leben doch im Zeitalter 4.0“.

Was bedeutet also 4.0? Die Massenproduktion durch den Einsatz von Maschinen kann man etwa beginnend mit dem Jahr 1800 ansetzen und das wäre also die Wirtschaft 1.0. Die Zeit von Akkord- und Fließbandarbeit wird mit 2.0 eingestuft, und 3.0 soll für das Zeitalter der Elektronik und Schaltkreise stehen. Die letzte große Erfindung war übrigens der Transistor – noch in der Epoche 1.0! (Ich klammere hier die Überlegungen aus, ob man überhaupt etwas erfinden, oder doch nur aufspüren, also finden kann, weil es ja doch als Möglichkeit vorliegt).

Und mit 4.0 bezeichnen wir heute doch nur die Digitalisierung der früheren analogen Techniken. Unter 4.0 werden digitalisierbare analoge Prozesse erforscht und ersetzt. Der Fortschritt, wenn es denn einer ist, zeigt sich offenkundig vor allem in einer Beschleunigung bestehender Prozesse und in einer Diversifikation von meist entbehrlichen Anwendungen, die uns dann als Innovationen präsentiert werden.

Die Beschleunigung hat aber die Grenzen des menschlichen Maßes längst überschritten (siehe das Modeleiden „Burnout“). Und immer neue Anwendungen der Digitalisierung werden vor allem aus militärischen Gründen vorangetrieben, auch wenn wir das gerne verdrängen. Selbst wenn sich dabei immer wieder als Nebenprodukt auch interessante Möglichkeiten für die medizinische Forschung eröffnen, mit der wir uns dem ewigen Leben anzunähern trachten, so geht es dabei doch bloß um die Rechtfertigung der Geldflüsse für Waffentechnologien.

Alle sonstigen Anwendungen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind, erscheinen doch eher banal. Denken wir z.B. an so etwas einfaches wie ein Türschloss. Wir können das jetzt so ausgestalten, dass sich der Schließmechanismus nur nach Abgleich mit dem Fingerabdruck, mit der Iris, oder mit der Stimme wie von selbst betätigen lässt. Man zeigt sich ob solcher Raffinessen tief beeindruckt, es ist aber immer noch ein Türschloss. Es drängt sich mir die Vermutung auf, dass sich die Notwendigkeit für so tolle Sicherheitsschlösser überhaupt erst aus der Digitalisierung ergeben hat. Mit Digitalisierung versucht man die Probleme zu lösen, die man ohne sie nicht hätte und propagiert das als Fortschritt.

Die Euphorie über neue Anwendungen lässt den Fragen „Na und?“, oder „Wo ist der Gag?“, keinen Raum und lässt den durch und durch analogen Menschen ziemlich ratlos zurück. Im Grunde bedroht die Digitalisierung die Existenz dessen, dem zu dienen sie vorgibt. Die Existenz des Menschen!

Unsere Zukunft liegt in der Digitalisierung. In einer digitalisierten Welt, in der Menschen zumindest nebensächlich, wenn nicht sogar überflüssig sind.

Nehmen wir aber dennoch einmal die Digitalisierung des Lebens als tatsächlich zeitnotwendigen Entwicklungssprung zur Kenntnis, dann sollte uns eigentlich ein damit verbundenes, schwerwiegendes gesellschaftliches Problem ins Auge stechen:

Mit der Digitalisierung wird einerseits vor allem die Überflüssigkeit von Erwerbsarbeit angestrebt, andererseits erfolgt die Zuteilung von Einkommen, um damit Zugang zu all den Segnungen der neuen Produktionsweise zu erlangen, immer noch, wie schon in der Epoche „1.0“ und davor, nach der Werteinstufung von Arbeitsplätzen. Während „die Technik“ also die Entbehrlichkeit von Erwerbsarbeit beweisen möchte, lauten die Versprechen und Forderungen der – nicht einmal nur der dümmsten – Politiker „Jobs, Jobs, Jobs“. Eine wirtschaftsphilosophische Diskrepanz, wie sie größer nicht sein kann.

Es ist damit offenkundig, dass man, sieht man die Digitalisierung als Innovationssprung an, die Notwendigkeit zur begleitend nötigen Innovation der Finanzarchitektur schlichtweg außer Acht gelassen hat. Spätestens mit der Digitalisierung ist eine tiefgreifende Reform unserer Geldordnung unausweichlich geworden.

Das nicht erkennen zu wollen, ist Kern der globalen gesellschaftspolitischen Zustände. Daran zu arbeiten, könnte vielleicht einmal der Inhalt des Zeitalters 5.0 werden. Wenn wir Digitalisierung plus funktionierendes Geld haben. Lasset uns hoffen!

Und damit ich nicht vergesse: Schmökern auf www.lifesense.at lohnt immer